Das Festmenu anlässlich der Einweihung der Pauluskirche in Essen 1872

Historische Speisekarten bilden ein beliebtes Sammelobjekt, sie können aber auch als aussagekräftige Quellenzeugnisse für die Alltagsgeschichte dienen.

Vor ziemlich genau 150 Jahren, am 28. Februar 1872, fand in Essen-Altstadt nach sechsjähriger Bauzeit die Einweihung der Pauluskirche statt. Dem stattlichen Neubau mit einer Kapazität für nicht weniger als 1.500 Gottesdienstbesucher war keine lange Geschichte beschieden: 1944 wurde die Pauluskirche bei den Luftangriffen auf Essen völlig zerstört und nach dem Kriege nicht wieder aufgebaut. Erhalten hat sich aber die Einladung für die Eröffnungsveranstaltung mitsamt Speise- und Weinkarte.

Speisekarte/Weinkarte zur Einweihung der Pauluskirche in Essen am 28. Februra 1872. Aus Bestand: AEKR 4KG076 (Essen-Altstadt), Sign. I L/2.

Die Speisefolge stellt eine interessante Melange aus eher rustikalen Ruhrpottelementen und gehobener Standardgastronomie dar. Für letzteres stehen die Schildkrötensuppe und die Galantine mit Zunge. Nicht weniger als sieben Toasts zwischen den Gängen bedurften einer entsprechenden flüssigen Grundlage. Die Preisangaben der Weinkarte sind noch in Silbergroschen notiert. Demnach verfügte der auch bei Queen Victoria beliebte Hochheimer Riesling (in England als „Hock“ bekannt) über das höchste Renommee. Mit aller Vorsicht, die bei historischen Kaufkraftvergleichen geboten ist, kommt man nach gängigen Kriterien bei der Flasche Hochheimer auf einen heutigen Preis von ca. 40,– € (30 Sgr. = 1 Taler, ca. 2 Taler = 6 Goldmark, Umrechnungsfaktor 6,70). Der Hochheimer Mousseux darf noch unter Champagner geführt werden; dies wurde für deutsche Schaumweine bekanntlich erst durch den Versailler Vertrag 1919 untersagt.

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