„Die Vorurtheile und Sorgenlosigkeit besonders bei den Landbewohnern“ – Ein Impfkonflikt im frühen 19. Jahrhundert

Die Forderung nach einer staatlichen Impfpflicht geistert regelmäßig durch die Medien und wird genauso regelmäßig von radikalen Impfgegnern heftig zurückgewiesen. Dieser Konflikt hat bereits eine über zweihundertjährige Tradition, wie aus einem Schriftstück aus dem Jahr 1815 hervorgeht, das jetzt im Rahmen einer Benutzung des Archivbestandes der Evangelischen Kirchengemeinde Meisenheim zutage kam.

Schreiben des Birkenfelder Kreisdirektors an die Pfarrer des reformierten Lokalkonsistoriums Meisenheim, 31. März 1815 (AEKR, Bestand 4KG 003B, Kirchengemeinde Meisenheim, Nr. 32)

Am 31. Juli 1815 forderte der Birkenfelder Kreisdirektor die reformierten Pfarrer des Meisenheimer Lokalkonsistorialbezirks auf, „ihren Einfluß auf ihre Pfarrkinder anzuwenden, um dieselbe zu  bewegen, ihre Kinder impfen zu lassen.“ Hintergrund war, dass vor allem auf dem Land viele Eltern der erst 1796 eingeführten Pockenimpfung skeptisch gegenüber standen. „Die Vorurtheile und Sorgenlosigkeit besonders bei den Landbewohnern sind Schuld, daß einem großen Theil der Kinder das wohlthätige Schutzmittel nicht zu Theil wird“, konstatierte der Kreisdirektor. Er stellte zugleich ernüchtert fest, dass auch die Gefahr, „daß die Kinder von der gefährlichen Krankheit der natürlichen Pocken befallen werden, wodurch schon so viele entweder das Gesicht verlohren oder an irgend einem Glieder lahm geworden, so daß sie für ihr ganzes Leben armselige Geschöpfe sind“, die Vorbehalte so mancher Eltern nicht zu beseitigen vermögen, und behielt sich deshalb „strenge Maasregeln“ vor, „die ich zu nehmen gezwungen wäre, wenn im Weege der Güte nichts ausgerichtet würde“. Ob diese Zwangsmaßnahmen tatsächlich nötig wurden, geht aus dem überlieferten Schriftverkehr nicht hevor. Die Debatte über Sinn und Zweck eines obrigkeitlichen Impfzwangs dauerte aber das gesamte 19. und 20. Jahrhundert an und ist auch heute noch längst nicht beendet.

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