Rheinische Pfarrer gegen die Hungersnot im „Jahr ohne Sommer“ 1816

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Wikipedia: Steckrübe/Kohlrübe aufgeschnitten, CC BY-SA 3.0

Frühe Amtsblätter sind bekanntlich eine Fundgrube für die Regionalgeschichte. So forderte genau heute vor 200 Jahren die königlich-preußische Regierung zu Düsseldorf in ihrem Amtsblatt dazu auf, wohltätige Vereine gegen die „Fruchttheuerung“ in der Provinz zu gründen. Hintergrund waren die verbreiteten Missernten in Westeuropa 1816, bedingt durch den Ascheregen, der im Vorjahr bei der Explosion des indonesischen Vulkans Tambora entstanden war. Der preußische General Carl von Clausewitz notierte hierzu anlässlich einer Inspektionsreise durch das Rheinland: „Verfallene Gestalten, Menschen kaum ähnlich“ hätten auf Äckern „halb verfaulte Kartoffeln“ gesucht.

Ausdrücklich sprach die Düsseldorfer Regierung die Geistlichen an, „die wir auffordern, dass sie durch die Kraft ihrer Lehre den Sinn der Wohlthätigkeit und des Mitleides stets lebendig erhalten und auf diese Art die Bemühungen der Vereine unterstützen.“ Einige evangelische Pfarrer engagierten sich hierbei stark.

Es ist zu bedenken, dass wir hier noch über 30 Jahre vor dem Beginn der Inneren Mission stehen, den man gemeinhin auf Johann Hinrich Wicherns berühmte Wittenberger Rede 1848 datiert. Nothilfe ist damals noch deutlich individualisierter und setzt mehr auf Netzwerke innerhalb vermögender Kreise. Am 7. Januar 1817 stellt die Regierung geradezu lyrisch ihren Abschlussbericht in Aussicht: „…und wir leben daher in der schönen Hoffnung, bald öffentlich beurkunden zu können, wie richtig unser Glauben an den Biedersinn unserer Verwalteten begründet war.“

Dieser Bericht vom 14. Februar 1817 gibt einen Überblick über die angelaufenen Maßnahmen. Mit Abstand an der Spitze stand  ein von Industriellen in Elberfeld gegründeter Verein, der für 150.000 Taler Getreide im Ausland angekauft hatte.  Im weiteren heißt es dann: „Die Gemeinde Haan, durch den Herrn Prediger Momm hierzu aufgefordert, gab eine baare Summe von 2.932 Francs; durch eine weitere Collekte wurde das Bedürfnis der Armen noch außerdem auf mehrere Monate gesichert.“ Peter Jakob Momm (1784-1847) hatte gerade im Vorjahr das Pfarramt in Haan angetreten. Er war ein Sohn des Duisburger Fabrikanten Peter Momm, was ihm die Akquise von Spendengeldern vielleicht erleichtert hat. Ferner belobigt wurden die Pfarrer Friedrich Bunge (1779-1858) zu Leichlingen und Gottlieb Christoph Hengstenberg zu Ratingen (1763-1841).

Das Foto einer Steckrübe steht nicht ohne Absicht zu Beginn des Artikels. Im Amtsblatt 1817 der Regierung zu Koblenz finden sich mehrere Rezepte für Rübenbrot und weitere Ersatzprodukte. Genau 100 Jahre später erlebt die deutsche Bevölkerung im Ersten Weltkrieg den berüchtigten „Steckrübenwinter“ 1916/17 und wieder publizieren Regierungsstellen entsprechende Anleitungen für sogenanntes „Kriegsbrot“.

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