Eine Orgie an Ausrufezeichen: Das Danklied der Evangelischen zu Aachen an Kaiser Napoleon aus dem Jahr 1804

Danklied bey der Thronbesteigung seiner Majestät des Kaisers Napoléon.

Danklied bey der Thronbesteigung seiner Majestät des Kaisers Napoléon.

Beide christlichen Konfessionen haben in ihrer Geschichte stets gern die Nähe zu den politisch Mächtigen ihrer Zeit gesucht. Vor gut 200 Jahren hatte die evangelische Minderheit in Aachen auch allen Grund, dem frisch etablierten Kaisertum Napoleon Bonapartes zu huldigen. Dies belegt ein aktueller Fund im Archiv der EKiR.

Am 29. Juli 1804 erscholl in der Aachener St. Anna-Kirche die Melodie von Martin Luthers Lied „Herr Gott, dich loben wir“, seine Umsetzung des „Te Deum laudamus“ ins Deutsche von 1529. Der Text war freilich ersetzt worden durch einen Dankeshymnus auf den gerade berufenen Kaiser. Darin heißt es z. B. in der zweiten Strophe:

Aufs lieblichste fiel unser Los!
Wir ruhn in eines Kaisers Schoß,
Der unser Freund und Vater ist,
Weil du sein Gott und Vater bist!
Ach, laß ihn leben, leben, Gott!
Der Enkel erst seh seinen Tod!
Noch lange sey Gerechtigkeit
Sein Thun! noch lange Menschlichkeit!
Erhalt in deiner Weisheit ihn!
Zu deiner Hülfe laß ihn fliehn,
Wenn er sie fühlt der Herrschaft Last,
Mit der du ihn begnadigt hast!
Einst leucht´er (dort belohnst du ganz)
In einer bessern Krone Glanz!
Wie schmal, wie steil sein Weg auch sey,
Bleib er dir, Oberherrscher, treu!
Er habe, Gott, er habe Theil
Im Himmel einst am ewgen Heil!

Insgesamt säumen 42 (!) Ausrufezeichen die Liedzeilen. Der Überschwang erklärt sich zum einen aus der ehrlichen Dankbarkeit der Aachener Evangelischen, denen erst die französische Revolutionsregierung die freie Ausübung ihrer Religion in der Stadt ermöglicht hatte. 1802 erhielten Lutheraner und Reformierte mit der Zuweisung der St. Anna-Kirche erstmals eine eigene Kirche für ihre Gottesdienste.

Zum anderen ist das Danklied aber auch im zeitlichen Kontext der Kaiserpropaganda Napoleons zu sehen. Am 18. Mai 1804 hatte der französische Senat die Einführung des Kaisertums formal beschlossen. Die berühmte Krönung in Notre-Dame fand dann erst am 2. Dezember statt. Am 27. Juli, gerade zwei Tage vor dem evangelischen Festgottesdienst in der Anna-Kirche, hatte sich Kaiserin Joséphine in Aachen eingefunden, um an Feierlichkeiten zu Ehren Karls des Großen teilzunehmen (und auch, um die Aachener Bäder zu genießen). Ihr Gemahl Napoleon folgte am 2. September und huldigte im Dom seinem berühmten Vorgänger.

2 Gedanken zu “Eine Orgie an Ausrufezeichen: Das Danklied der Evangelischen zu Aachen an Kaiser Napoleon aus dem Jahr 1804

  1. Hallo Hr. Dr. Flesch,

    es war doch in jener Zeit üblich, dass die Kirchen ihren Souverän entsprechende Huldigungen entgegenbrachten. Insbesondere, da doch Napoléon auch derjenige war, der nur wenige Jahre zuvor die Verhältnisse zwischen Frankreich und den christlichen Kirchen regelte.

    Auch unter den preußischen Herrschern ab 1815 ja in Aachen das Sagen hatten, gab es sicherlich solche Hymnen auf Friedrich Wilhelm III., der ja auch Chef der preußischen Landeskirche war.

    Bei der Gelegenheit würde mich interessieren, ob es neben dem Konkordat zwischen Napoléon und dem Heiligen Stuhl im Jahre 1801 ein etwas ähnliches für die Normalisierung des Verhältnisses zu den Protestanten gab?

    Beste Grüße
    Michael Gnessner
    Projekt EPOCHE NAPOLEON

    • Hallo Herr Gnessner,

      selbstverständlich hat es solche Opera zu allen Zeiten gegeben. Gewissermaßen drucktechnisch beeindruckend fand ich in der Tat die gewählte Zeichensetzung …

      Das Pendant zum Konkordat sind die zeitgleich 1802 publizierten Organischen Artikel. Zu ihnen liegt einiges vor; speziell zum rheinischen Kontext hat Herr Metzing 2004 und 2011 Beiträge veröffentlicht.

      Beste Grüße
      Stefan Flesch

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