
Von keinem Pfarrer ist im Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Kreuznach so viel Handschriftliches überliefert wie von Wolfgang Christoph Sixt, der von 1689 bis 1735, also fast fünf Jahrzehnte lang, in der reformierten Gemeinde amtierte. Mit akribischer Sorgfalt und in gestochener Schrift hielt der schreibfreudige Geistliche die Ereignisse einer äußerst unruhigen und bedrohlichen Epoche fest. Sein Amtsantritt fiel in die Zeit des verheerenden Pfälzischen Erbfolgekriegs. Sixt siedelte Ende August 1689 nach Kreuznach über, wo französische Truppen zuvor „auf die grausamste Weise gehauset und die Bürger mit Geldpressuren ohne Erbarmen tractieret [hatten], sodaß man die Ratsherren und alle übrige Wohlhandende gefänglich erstlich aufs Rathaus gesetzet, nachgehends beim Abmarsch mit nacher Maynz genommen und so lange da behalten, bis sie 40 Schatzungen bezahlt hatten.“ Vor ihrem Abzug hatten die Franzosen außerdem „alle Thürn [Türme] und die Mauren der hiesigen Statt gesprengt und ruiniert, die Thoren über’n Haufen geschmiesen und das Schloß Cauzenberg gesprengt und totaliter ruinirt“. Auf dem Eier- und dem Kornmarkt legten sie große Feuer und verbrannten „eine unbeschreibliche Menge Früchten [Getreide] darin, und [haben] was sie nicht verbrennen können, über die Brück in die Nahe geschüttet.“ Nur zwei Monate später musste Pfarrer Sixt erleben, wie seine Kirche auf dem Wörth, wie alle anderen Kirchen in Kreuznach, von den Franzosen niedergebrannt wurde, wobei „all die Glocken verschmolzen“. An einen Wiederaufbau der Kirche war in Kriegszeiten nicht zu denken. Nach einer Sammlung bei wohlhabenden Glaubensgenossen in Frankfurt und Hanau konnte immerhin der Chor der Kirche abgetrennt, neu gedeckt und als Kapelle zum Gottesdienst genutzt werden.

Als der Krieg 1697 endete, wurde aufgrund der in den Friedensvertrag aufgenommenen Rijswiker Klausel den Katholiken der Mitgebrauch des reformierten Gotteshauses zugesprochen. Aus dem kurz vor Weihnachten 1698 in der Kapelle eingeführten Simultaneum entstanden in den ersten Jahren jedoch weniger Zwistigkeiten als zunächst befürchtet. Zwar errichteten die Katholiken 1701 in der Kapelle ein großes Kreuz mit angehängtem Bild, das den Reformierten „hinderlich und ärgerlich“ war, und trieben in der Christmette 1708 „allerlei Unfug“ im reformierten Andachtsraum, nutzen die provisorische Kirche aber ansonsten kaum, hatten „keinen Altar darinnen“ und feierten seit 1709 dort überhaupt keine Messe mehr. 1714 beschloss das Presbyterium daher, eine Orgel in der Kapelle errichten zu lassen, die Orgelbauer Valentin Marquard aus Hanau am 30. Oktober 1716 eigenhändig fertigstellte. „Der erste Organist zu diesem schönen Werk war Johann Peter Bender, gebürtig von Simmern, Secunda Classis Gymnasii Discipulus“, ein 15-jähriger Schüler. Nicht ohne Stolz notierte Pfarrer Sixt, dass die Orgel „auß alleinigen reformierten Mitteln, als die man theils von Hauß zu Hauß bey denen Reformirten, theils auch sonntags nach der Predigt gesamlet“ hatte, erbaut worden war und man „nicht einen einzigen Heller von andern Religionsverwandten darzu bekommen oder verlangt hatt“.

Sixt spielte dabei sicherlich nicht nur auf die Katholiken, sondern auch auf die verfeindete lutherische Gemeinde an, die im Jahr 1700 in Sichtweite der Wörthkirche ein eigenes neues Gotteshaus, die Wilhelmskirche, eingeweiht hatte. Dies muss den Reformierten ein besonderer Dorn im Auge gewesen sein, die seitdem umso mehr danach strebten, endlich das seit Jahrzehnten in Trümmern liegende Langhaus ihrer Kirche wieder aufzubauen. Das war auch deshalb dringend vonnöten, da die beengten Verhältnisse in der Kapelle regelmäßig Konflikte hinsichtlich der Besetzung der Kirchenstühle hervorriefen. So stritten sich etwa „etliche Mahle zu einem nicht geringen Aergernus der versamleten Gemeinde“ die Tochter des Konrektors Ochsner und die Tochter des Lehrers Piscator um den Vorrang in der für die Familien der Gymnasiallehrer bestimmten Bank.

Für ein so großes Bauprojekt war indes eine Sammlung von Kollekten auf dem gesamten Gebiet der Kurpfalz und darüber hinaus erforderlich, die der reformierten Gemeinde jedoch zunächst nicht genehmigt wurde. Man beschied dem Presbyterium, dass andere Gemeinden des durch den Krieg völlig verwüsteten Landes dringlicher unterstützt werden müssten und außerdem durch das Simultaneum das Eigentumsrecht an der Kirche strittig und ungeklärt sei. Die Reformierten aber ließen sich nicht entmutigen und griffen in der Zwischenzeit schon einmal selbst zu Eimer, Schaufel und Handkarre, um die Trümmerstätte zu räumen. Man teilte die Gemeindeglieder in elf Rotten ein, die jeweils einem Kirchenältesten unterstanden und von einem Arbeiter aus der Gemeinde beaufsichtigt wurden. Pfarrer Sixt notierte penibel die Aufteilung der Rotten mit Namen und Berufen und schuf so ganz nebenbei eine interessante Quelle zur sozialen Struktur der Gemeinde, die auch für genealogische Recherchen interessant sein dürfte. Angehörige aller Schichten beteiligten sich an den Aufräumarbeiten, vor allem Handwerker, aber auch Tagelöhner, Beamte, Ratsherren, Lehrer, Wirte, Händler, Musiker, Apotheker oder Advokaten. Auch berufstätige Frauen sind vereinzelt nachweisbar, etwa eine Krämerin oder eine Fischerin. Bei den meisten der genannten Frauen handelt es sich aber um Witwen, die kaum selbst Hand angelegt, sondern stattdessen Arbeiter dazu gestellt haben dürften. Hausfrauen hingegen wurden offenbar nicht herangezogen.
Nach nur „16 und einem halben Tag“, am 3. August 1716, wurde man „zu jedermanns Verwunderung mit dem Räumen dieses großen Kirchenplatzes, darauf sich ein unbeschreiblicher Unrath befunden, durch ungemeinen Eiffer & Arbeiten fertig […], ohne daß jemand im geringsten sich verletzt hett.“ Unter all dem Schutt entdeckten die fleißigen Männer sogar noch Reste wertvollen Glockenmetalls, die zum Gießen einer neuen Glocke verwendet wurden. Am 19. November 1717 wurde „die newe Glock von 532 Pfund von Franckfurt anhier gebracht“ und im selben Jahr der Gemeinde endlich auch das Kollektieren genehmigt. Bis zum Beginn des Wiederaufbaus der Kirche sollten jedoch noch weitere fünf Jahrzehnte vergehen. Erst nach fast 100 Jahren, mit der Weihe der barocken Pauluskirche 1781, konnten die reformierte Gemeinde Kreuznach ihr Provisorium im Chor der alten Wörthkirche verlassen. Pfarrer Sixt starb am 18. März 1735. Sein handschriftlicher Nachlass wird im Bestand 4KG 065B (Bad Kreuznach) in der Evangelischen Archivstelle Boppard aufbewahrt.

Verwendete Literatur: Rosenkranz, Albert, Geschichte der Evangelischen Gemeinde Kreuznach, Kreuznach 1951; Ders., Pfarrer Wolfgang Sixt und das Kreuznacher Simultaneum, in: Monatshefte für Evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes 8 (1959), S. 33-69.