Ein poetischer Neujahrswunsch aus dem 18. Jahrhundert

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern ein Frohes Neues Jahr mit diesem schönen Neujahrsgedicht!

Wiganders Poetisches Lautenspiel, S. 254-255, ca. 1770, aus Bestand: AEKR 8SL 048 (Sammlung Handschriften), Nr. 31

Neüer Jahres Wunsch
Christrühmlich war die Art der alten erster Zeiten,
Aus wohlgemeinten Hertz ein Wünschgen zu bereiten
Triumph zu stimmen an, zumahl wans alte Jahr
Rein aus in Grund und Ruh vergnügt gelauffen war.
Ich allerschönstes Kind muß mich auch untersehen,
Nach unsrer alten Art dich wünschend anzugehen,
Ach! Daß mein treüer Wunsch ging in dein Hertz hinein,
Wie wolte ich getrost und wohl zufrieden seyn!
In dieser Zuversicht versuch ich es zu wagen
Bin ich gleich was zu blöd und kans nicht deutlich sagen,
Ein Seufzer wird genug mein Wünschen zeigen an,
Laß nur, o schönstes Kind ihn lauffen seine Bahn,
Rufft schon der Mund nichts aus, so laß das Ächzen gelten,
Aus Lippen und durchs Hertz kan man ja gleiches melden,
Trau nur der Redlichkeit, und denke liebstes Kind,
So wie mein Hertze wünscht, daß auch die Worte sind!
Lebe Schönste in Vergnügen
Lebe in vergnügter Ruh,
Gottes Gnade deckt dich zu
Drum kanst du mit Ruhme singen
durch diß neu gekommen Jahr,
Über Unglück, über Neiden,
Über Krankheit, über Leiden,
Über Noth und Todts Gefahr
Biß die Zeit uns läst erleben,
Eins dem andern
Wünsche in die Hand zu geben.

Der Text stammt aus der Handschrift Wiganders Poetisches Lautenspiel. Auf 578 Seiten sind darin eine Vielzahl von Gedichten versammelt, sortiert in Themenblöcken, u.a. eben Neujahrs- und Glückwunschgedichte, alle sehr klug und mit einer gewissen Prise Ironie verfasst.

Datiert wird das Werk auf ca. 1770, eine Angabe im Buch fehlt. Auch den Autor kennen wir leider nicht. Aufgrund der vielen religiösen Bezüge und des theologischen Vokabulars könnte man auf einen Pfarrer oder Geistlichen schließen. Möglicherweise mit dem Namen Wigand oder Wiegand. Aber hier bewegen wir uns im Bereich der Spekulation.

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