Thesenanschlag der Kritischen Jugend in Herne – September 1971

  • Jugendtag Herne 1971 Thesen für eine ständige Reformation der Kirche Fotograf: Hans Lachmann, AEKR 8SL046 (Bildarchiv), 7_011834

Der heutige Reformationstag soll zum Anlass genommen werden an den polarisierenden Evangelischen Jugendtag in Herne im Jahre 1971 zu erinnern. „Help, Hope und Halleluja“ stand unter der Schirmherrschaft des Kreisjugendpfarrers Bernd Schlottoff. Am 25. und 26. September 1971 veranstaltete die sogenannte Jesus Generation ein Festival in der Sporthalle Herne, an der über 3000 junge Menschen teilnahmen. Neben den deutschen Gospel-Bands Fietz Team (Siegen) und St. Stephans (Wanne-Eickel) traten auch zwei Gesangsgruppen aus London auf. Pauline and The People und The Settlers spielten Bekenntnis- und Erweckungslieder. Auch die US-amerikanische Mitbegründerin der Children of God-Bewegung Faith Dietrich war geladen, um zu evangelisieren.

Die platte Missionsveranstaltung rief eine Gegenbewegung auf den Plan, die eine kritische Auseinandersetzung mit der Jesus-Bewegung forderte. Der Arbeitskreis Kritische Jugend Herne organisierte mithilfe des CVJM-Diakon Rolf Schubeius eine Demonstration gegen das Jesus-Festival. Die Demonstranten torpedierten die Eröffnungsrede des Superintendenten und Missionars Fritz Schwarz und protestierten gegen die Veranstaltung mit Plakat- und Sprechaktionen. „Show verzaubert – Analyse entzaubert“ oder „Hier werden Verhältnisse verschleiert“ war auf den Plakaten zu lesen.

Zudem schlug die Kritische Jugend Herne „Thesen für eine ständige Reformation der Kirche“ an. Auf einem Plakat, das vor einer evangelischen Kirche in Herne an einen Baum angebracht wurde, stand geschrieben:

T. Auch in der Kirche herrschen Menschen über Menschen. Alle wichtigen Entscheidungen werden von wenigen für viele getroffen.

A. Die Forderung nach einer demokr. Kirche heißt: durch Mitbestimmung über sich selbst zu bestimmen.

T. Die Welt hat sich ständig verändert, die Aussagen der Kirche haben sich nicht geändert. Sie sind zu Lehrformeln geworden, die der Einzelne nicht verstehen kann, die ihm auch nicht helfen können.

A. Die Forderung nach einer ständigen Reformation heißt: sich mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit des Menschen und der Bedeutung der Bibel für diese Wirklichkeit auseinander zu setzen.

Was hat die Kirche mit der Jugend vor?

Wir stellen fest: verinnerlichte Frömmigkeit, Showgeschäft mit JESUS, Mobilisierung von Gefühlen bestärken die Konsumhaltung der Jugend und lenken von den wahren Problemen ab und dienen der Verschleierung der Verhältnisse.

Die Forderung nach einer Kirche, die wirklich hilft, heißt: Analyse, Diskussion, Aktion

Arbeitskreis Kritische Jugend Herne

Die Foto-Slideshow veranschaulicht den Jugendtag von 1971, der von kontroversen Meinungen geprägt war, aber in weitestgehend friedlichem Diskurs ausgetragen wurde.

Ein Kommentar zu „Thesenanschlag der Kritischen Jugend in Herne – September 1971

  1. Haha, was für eine spannende Zeit in Herne 1971! Ein Jugendtag voller Glaubensbekenntnisse, Gegenbewegungen und Plakate, die heute noch modern wären. Die Kritische Jugend war ja nicht blass, die forderten schon durch Mitbestimmung über sich selbst zu bestimmen – na, mal sehen, ob das heute noch funktioniert. Die Jesus Generation war ja wohl ein proper Showdown, mit Gospel-Bands und der amerikanischen Guru Faith Dietrich. Die Demonstranten waren ja klare Köpfe, Showgeschäft mit JESUS – da haben sie ja den Kern getroffen! Ein wirklich erfrischender Mix aus religiöser Begeisterung und scharfer Kritik, der zeigt, was für eine lebendige (und chaotische) Jugendkultur das damals war. Ein faszinierender Einblick in eine andere Zeit!

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