Wohin fliegt der Geusendaniel?

Der Geusenengel, oder auch Geusendaniel genannt, auf dem Kirchturm von der Evangelischen Kirchengemeinde Jüchen

Der Geusenengel, oder auch Geusendaniel genannt, auf dem Kirchturm von der Evangelischen Kirchengemeinde Jüchen

Der Geusendaniel ist ein Symbol der Evangelisch-Reformierten Gemeinden. Heute findet man diesen speziellen Engel auf einigen Kirchtürmen der Reformierten Kirchengemeinden zum Beispiel der Hofkirche in Jüchen, der Otzenrather Kirche, in Frechen, in Goch, in Wassenberg-Dalheim, in Kirchherten. Doch was posaunt der Engel heraus?

 

 

Der Posaunenengel lässt viel Spielraum für Interpretation: Er posaunt zum Beispiel einen gelungenen Neuanfang nach der Flucht. Endlich durften die Reformierten eine eigene Kirchengemeinde gründen. Flüchtlinge dürfen sich darüber freuen, dass sie angekommen sind.

Hans Josef Broich schreibt zum Geusendaniel auf dem Kirchturm der Hofkirche in Jüchen:

„Auf der Spitze des Dachreiters ist ein Posaunenengel angebracht, der die frohe Botschaft des Evangeliums in alle Welt hinausblasen soll. Der Engel ist auf der Spitze eines Kreuzes fixiert, von dessen Zentrum vier schlangenförmig gestaltete Eisenspeere wegführen. Was wollen sie sagen? Feuerzungen oder Blitzen ähnlich, können sie mit der Ausbreitung des Wortes Gottes in Verbindung gebracht werden. Das deutliche Kreuz selbst, das der Betrachter im Innenraum vergeblich sucht, ist das Zeichen, unter dessen Last die Gemeinde lange Zeit stand, aber aus dem sie auch die Kraft zum Überleben geschöpft hat.“1

Siegelumschrift "Evangelische Kirchengemeinde Königshardt-Schmachtendorf"

Siegel der Evangelische Kirchengemeinde Königshardt-Schmachtendorf von Gotthard Muhrmann

Der Grafiker Gotthard Muhrmann zeichnete das Siegel der Evangelischen Kirchengemeinde Königshardt-Schmachtendorf, eine Gemeinde, in die ursprünglich reformierte Pfälzer siedelten. Thomas Levin schreibt zum Siegelbild:

„’In der Mitte des Kreises ist ein stilisierter Trompetenengel gezeichnet, wie er genau so auch auf dem Kirchturm der Kirche am Buchenweg 275 zu finden ist, der sogenannte Geusendaniel, wie der Engel am Niederrhein auch genannt wird. Daneben steht die Jahreslosung von 2007 Jesaja 43, 19a ’siehe, ich will neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht.‘ Dieser Vers nimmt inhaltlich den Neubeginn der fusionierten Gemeinde auf und stellt diesen unter Gottes Verheißung.“

Irmtraud Schumacher bemerkt in ihrem Buch „Da strahlt der Geusenengel“ zum Posaunenengel:

„ … Und wer sich den Turm der Gnadenkirche (von Bergisch Gladbach) einmal näher anschaut, entdeckt oben auf der Spitze statt eines Wetterhahns oder einer Fahne einen kleinen Engel mit einer Trompete. Es gibt keine schriftliche Quelle, die eindeutig belegt, dass es sich hier um einen Geusenengel handelt. Aber die Entstehungsgeschichte der Gemeinde lässt darauf schließen, dass der kleine Trompeter oben auf dem Kirchturm der Engel der Geusen ist.“2

Wera Groß schreibt in ihrem Exkurs zum Posaunenengel:

„Man findet Posaunenengel heute noch in Lövenich, Jüchen, Wassenberg, Kirchherten und seit einigen Jahren in Waldniel, wo er einen Hahn ablöste. Außerhalb des Jülicher Landes krönt er noch die Dachreiter der lutherischen Hauskirche in Zweifall, der lutherisch-reformierten Kirche in Geldern, der reformierten Kirchen in Oberkassel bei Bonn und in Gruiten und den Turm der reformierten Neanderkirche in Düsseldorf. Die ältesten Beispiele sind jene in Düsseldorf, Zweifall und Oberkassel, alle 17. Jahrhundert, dann folgen im 18. Jahrhundert die in Gruiten und Geldern und noch später die Jülicher. Die dortigen datieren bis auf den in Wassenberg erst aus dem 19. Jahrhundert, weil auch die Dachreiter erst zu der Zeit entstanden sind. Eine eindeutige biblische Motivierung ist urkundlich nicht nachweisbar. Ebenso ist eine weltliche Herkunft im Sinne der Fama des Barock denkbar.”3

Ekhard Stolz bemerkt zum Posaunenengel in „Evangelische Kirche in Frechen”:

…„Dieses einfache und schmucklose Gebäude hatte nur ein bescheidenes Glockentürmchen in Form eines Dachreiters, allerdings gekrönt mit einem vergoldeten Posaunenengel. Auch hierfür hatte der Volksmund einen Spitznamen parat, nämlich ‚Jöse-Daniel’ (Geusen-Daniel). Der Dachreiter mit dem Posaunenengel ist bis heute übrig geblieben, wenn auch etwas zurückversetzt auf dem Dach der heutigen Kirche. Die ‚Jöse’ nannte man die evangelischen Christen, die sich in Frechen angesiedelt hatten, nicht zuletzt angezogen durch den Braunkohlebergbau. ‚Geuse’ (eigentlich Bettler) ist ein Ehrenname holländischer Freiheitskämpfer, die sich im 16. Jahrhundert gegen die spanische Vorherrschaft auflehnten. Mit dem Namen ist die vielfältige Verbindung der alten Frechener Gemeinde zu den niederländischen Protestanten angesprochen. Mit dem Beginn des holländischen Freiheitskampfes strömten Flüchtlnge ins Rheinland. Sie brachten ihr reformiertes Bekenntnis mit. Protestanten aus dem Nachbarland unterstützten den Bau der ersten Kirche mit finanziellen Mitteln. Holländische Binnenschiffer kamen nach Frechen zum Gottesdienst, da dies in Köln nicht möglich war.“4

Logo "Stiftung der Evangelischen Kirchengemeinde Jüchen"

Logo „Stiftung der Evangelischen Kirchengemeinde Jüchen“

Der Geusendaniel ist ein Multitalent, mal dient er als Titelleiste des Gemeindebriefes von Wassenberg-Dalheim, mal in einer eigenen Rubrik im Gemeindebrief, mal bläst er die Leute zum Ehrenamt. Gerade bläst er stimmungsvoll zum Neuen Jahr. Er bläst auch gerne, um Fördergelder für Projekte zu sammeln, wie im Logo der Stiftung der Evangelischen Kirchengemeinde Jüchen zu sehen ist.

 

 

Aus der Gemeindebriefsammlung des Archivs:  AEKR 8SL 047:

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Der Gemeindebrief mit dem Titel „Geusendaniel“ von Wassenberg-Dalheim

 

Folgende Titel zum Thema Geusen sind in der Archivbibliothek ausleihbar:

↩ 1. Leben aus dem Verborgenen : 325 Jahre evangelische Hofkirche Jüchen (1676-2001); die Gemeinde gestern und heute / Hans Josef Broich ; Horst Porkolab, S. 14-15

↩ 2. Da strahlt der Geusenengel : Evangelisches an der Strunde von Luther bis heute / Irmtraud Schumacher, S. 13

↩ 3. Wera Groß: Protestantische Kirchenneubauten des 16. bis 18. Jahrhunderts am Niederrhein und im Bergischen Land, S. 94-95

↩ 4. Die Evangelische Kirche in Frechen : ein Haus aus lebendigen Steinen / Almuth Koch-Torjuul, Bernd Stollewerk (Hrsg.)

weitere Literatur:

weitere Links:

Daniel in der Löwengrube in: Daniel, Kapitel 6,1-29, Der Engel der Geusen ist also auch so etwas wie ein Schutzengel – ein wahres Multitalent eben.

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