War Pfarrer Gottfried Hessel ein Mörder?

Ein Verdacht ist schnell ausgesprochen. Ihn zu beweisen oder zu widerlegen fällt da schon schwerer. Und es ist nicht immer möglich. Selbstverständlich kann grundsätzlich auch ein Pfarrer zum Mörder werden. Und es hat solche Fälle bereits gegeben. Zu erinnern sei an den Kellenbacher Pfarrer Gerhard Entes, der 1590 seine Frau erschlug weil sie zuviel Geld für Kleidung ausgab. Hier will ich einen Fall aus dem Jahre 1872 schildern, der bis heute nicht geklärt werden konnte.

Am 1. Dezember 1866 teilt der Trierer Pfarrer und Superintendent Wilhelm Klein dem Konsistorium mit, dass Hermann Auler, seit 1864 Pfarrer in Prüm, zum Pfarrer in Monschau gewählt sei und die Wahl angenommen habe. Das Konsistorium möge die Wiederbesetzung in die Wege leiten, da diese Diasporagemeinde keine lange Vakanz vertrage. Die Ausschreibung der Pfarrstelle erscheint im Amtsblatt Nr. 2 vom 16. Januar 1867, Bewerbungsfrist 4. Februar. Auler wechselt dann im Februar und Sup Klein beauftragt den Pfarrvikar August Wieber in Bitburg mit der Vakanzvertretung.
Am 19. Februar teilt das Konsistorium dem Sup mit, daß es drei Bewerbungen gegeben habe, er möge alle Mitglieder des Moderamens (heute Kreissynodalvorstand) um Stellungnahme bitten. Am folgenden Tag wird noch ein vierter Kandidat der Liste hinzugefügt: Gottfried Hessel, derzeit Lehrer an der Evang. Höheren Bürgerschule in Düren. Das Moderamen bestand zu diesem Zeitpunkt aus dem Superintendenten Klein in Trier, dem Assessor Friedrich Julius Otto in Veldenz und dem Skriba Adolf August Julius Euler in Rhaunen. Alle drei schreiben, zum Teil sehr wortreich, daß sie nichts sagen könnten, da sie keinen der vier Bewerber kennen. Klein leitet die Stellungnahmen zur weiteren Bearbeitung an seinen Trierer Kollegen Rudolf Spieß weiter, der zugleich Konsistorialrat ist. Spieß äußert sich auch, immerhin kennt er zwei der vier Bewerber.
„ Dem Alter nach würde Ersterer [=Hessel] wohl zunächst zu berücksichtigen sein, und zweifle ich auch nicht weder an seiner wissenschaftlichen Tüchtigkeit noch an seiner geistlichen Befähigung, wohl aber möchte ich seine Geneigtheit bezweiflen, die Stelle in Prüm anzunehmen, um welche er sich nicht beworben zu haben scheint. Seine günstige Stellung in Düren verglichen mit den Verhältnissen in Prüm läßt mich dies befürchten.“ Den Vikar in Neunkirchen/Saar Heinrich Dörmer kennt er nur von einem kurzen Besuch dort. Er scheint sich nicht sehr geschickt in der Gemeinde zu verhalten, daher glaubt Spieß nicht, daß er in die schwierige Prümer Situation paßt. Offensichtlich hat Spieß keine Kenntnis von Dörmers Täuschungsversuch im Ersten Examen, dieser wechselt auch noch im gleichen Jahr nach Westfalen. Wohl aufgrund dieser Stellungnahme beruft das Konsistorium dann Gottfried Hessel zum Pfarrer von Prüm. Nachdem für die Stelle in Düren ein Nachfolger in Person des späteren Bonner, dann Königsberger, Professors Carl Benrath gefunden worden war, konnte Hessel am 1. Mai 1867 in Prüm ordiniert und in sein Amt eingeführt werden.

Heinrich Jacob Bernhard Gottfried Hessel wurde am 28. April 1841 in Münster am Stein als Sohn des dortigen Pfarrers Johannes Hessel und seiner Ehefrau Johanna Antoinette Karoline geb. Schäfer geboren. 1863 und 1864 bestand er die beiden kirchlichen Examina, wurde zunächst Lehrer am Lehrerseminar Neuwied, 1864 dann an der Höheren Bürgerschule in Düren. Über seine Amtsführung in Prüm ist nichts bekannt, daraus kann geschlossen werden, daß er zumindest nicht negativ auffiel. Er blieb aber auch nicht lange in der Eifel, ihn zog es offenkundig in die weite Welt. Denn schon gut zwei Jahre später, am 13. September 1869, teilt er dem Sup mit, daß er auf die zweite Pfarrstelle an der reformierten Gemeinde in Danzig gewählt worden sei. Inzwischen führt er auch den Doktortitel, es konnte bisher nicht festgestellt werden, wann und wo er ihn erworben hat. Erwin Pritzel schrieb 1940 in seiner „Geschichte der Reformierten Gemeinde zu St. Petri-Pauli in Danzig 1570-1940“, daß über die Pfarrer der Gemeinde so reichhaltiges Material vorhanden sei, daß er eine eigene Pfarrergeschichte schreiben könne. Leider hat er dies nicht getan, jetzt sind diese Quellen nicht mehr vorhanden. Wir wissen nur, daß Hessel seinen Dienst in Danzig 1869 antrat. Aber bereits Ende des Jahres 1872 wird er als Schiffsprediger des Schiffes Wangerland erwähnt. Und damit kommen wir zu dem Ereignis, wegen dem er immer mal wieder genannt wird.

Die Wangerland befand sich auf der Fahrt von Europa nach Südamerika, an Weihnachten 1872 lag sie im Hafen von Ramsgate. Am Abend des 24. Dezember 1872 wurde die Prostituierte Harriet Buswell (alias Boswell alias Clara Bruton/Burton) beobachtet, wie sie mit einem Mann ihr Domizil in London betrat, der Freier schien ein Deutscher zu sein. Er wurde auch beim Verlassen der Wohnung am frühen Morgen gesehen. Da Harriet Buswell bis zum Mittag nicht gesehen wurde, brach man ihre Wohnung auf und fand sie ermordet vor, die Türe war von außen abgeschlossen worden. Irgendwie geriet der Schiffsarzt der Wangerland in Verdacht. Als die Polizei mit Zeugen in Ramsgate eintraf, identifizierten diese jedoch Dr. Hessel als den Mann, der Harriet Buswell besucht hatte. Zunächst hatte es gehießen, der Verdächtige sei etwa 23 Jahre alt, Hessel war 31 Jahre alt. Jedenfalls wurde er verhaftet. Wie so oft: einige Zeugen waren sich sicher, er sei der Freier gewesen, andere waren sich sicher, er sei es nicht gewesen. Sicher war nur: Hessel hatte sich an diesem Abend in London aufgehalten und seine Frau gab kurz darauf blutverschmierte Taschentücher zum Waschen. Da ein als zuverlässig angesehener Zeuge ihn zur Tatzeit wo ganz anders in London gesehen haben wollte, wurde er wieder freigelassen und soll England mit der Wangerland verlassen haben. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt. Wenige Tage später erhielt die Polizei einen Brief aus Deutschland, in dem der anonyme Schreiber behauptete, Gottfried Hessel sei doch der Mörder.

Wanted poster

Wanted poster – issued by the police during the ‚autumn of terror‘ 1888.

Der Mord an Harriet Buswell scheint bis heute nicht aufgeklärt zu sein, er wird häufig als Teil der Vorgeschichte der Jack the Ripper-Morde behandelt. Eine neuere Veröffentlichung von 2006 konnte ich nicht heranziehen, da das laut KVK einzige Exemplar in deutschen Bibliotheken für die Benutzung gesperrt ist, das Bibliotheksmagazin ist asbestverseucht. Auch diesmal gab es bei der Recherche Nebenspuren, die letztlich zu keinem Ergebnis führten, aber doch erwähnenswert sind. Bei der Internetsuche stößt man auf einen Gottfried Hessel, der Ende des 19. Jahrhunderts deutsche Übersetzungen englischer und französischer Texte herausgab. Zunächst erschien es durchaus wahrscheinlich, daß der ehemalige Gymnasiallehrer (auch für Deutsch) Dr. Gottfried Hessel sich solcherart betätigt haben könnte. Aber dann stieß ich auf den Hinweis, Gottfried Hessel sei ein Pseudonym des Berliner Pfarrers Emil Steffann. Da Steffann zunächst Hilfsprediger in Unterbarmen war, wird er in das Rheinische Pfarrerbuch aufgenommen, also setzte ich schon einmal einen Verweis auf ihn neben den Eintrag über Pfarrer Gottfried Hessel. Inzwischen weiß ich, daß dies ein Irrtum ist, das Pseudonym von Emil Steffann lautete Gottfried Nessel, der Herausgeber Gottfried Hessel ist eine dritte Person.

Im Gästebuch der Internetseite Oschatz damals stellte am 12. Nov. 2003 ein Bob Hinton die Frage: „I am looking for information concerning the Reverend Gottfried Hessel who was the chaplain on board the ship Wangerland in 1873.“
Bis Juli 2008 war keine Antwort erfolgt (auch bis heute nicht). Natürlich meldete ich mich 2008 sofort bei der angegebenen Mail-Anschrift. Doch Bob Hinton verstand meine Mail überhaupt nicht. Das lag aber nicht an meinen ausbaufähigen Englischkenntnissen, die Anfrage stammte nicht von ihm, auch nicht von einem Familienmitglied, das seinen Computer benutzen konnte.

Wer suchte also 2003 nach Gottfried Hessel und gab eine falsche E-Mail-Anschrift an? Und wieso eigentlich auf einer Seite über die sächsische Stadt Oschatz?

Quellen:
Bestand: Landeskirchenamt Ortsakten;
Findbuch: AEKR 1OB 008 (Landeskirchenamt Ortsakte Prüm), V Bd. 2  – 12.255 KB

Bestand: Kirchenkreis Kreuznach
Findbuch: AEKR 3MB 001 (Kirchenkreis Kreuznach), 12.15  – 35 KB

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.