Rheinischer Karneval und evangelische Kirche: Keine ziemlich besten Freunde

Der Karneval und wir? aus Bestand: AEKR Düsseldorf 1 OB 002 (Rheinisches Konsistorium), 809;

Der Karneval und wir? aus Bestand: AEKR Düsseldorf 1 OB 002 (Rheinisches Konsistorium), 809;

Am 11. Januar 1930 schickte der Westdeutsche Sittlichkeitsverein (Vors.: Pfarrer Karl Wendland in Köln) einen Brief an das Konsistorium der Rheinprovinz, in dem er als seine Hauptaufgabe (sic!) definierte, „…energisch gegen den Karnevalsunfug zu kämpfen.“ Beigefügt war das druckfrische Flugblatt des Vereins „Der Karneval – und wir?“ Bereits fünf Jahre zuvor hatte sich das Presbyterium der Evangelischen Gemeinde Köln in seinem Rundschreiben „Gegen das Wiederaufleben des Karnevals“ gewandt. Ja, war der rheinische Karneval denn 1925 abgeschafft?

Zunächst zum Wortlaut der Kölner Evangelischen:

„Wie wir aus den Tagesblättern ersehen, sind auch in diesem Jahre wieder eine Reihe karnevalistischer Veranstaltungen, die sich in Räumen und geschlossenen Gesellschaften vollziehen, von der zuständigen Behörde freigegeben worden. Demgegenüber glauben wir der Auffassung weiter Kreise in unserer Gemeinde dahin Ausdruck geben zu sollen, dass die Freigabe der vielfach als harmlos bezeichneten Veranstaltungen wie Maskenbälle, Herren- und Damensitzungen und dergleichen als bedenklich bezeichnet werde muss.

Von jeher ist der Karneval auch in seiner zurückgezogenen Form mit Alkoholismus und daraus folgenden groben sittlichen Entgleisungen belastet gewesen und wird das auch in Zukunft bleiben. Aus noch zwei anderen Gründen können wir die karnevalistischen Vereinen oder auch karnevalistischen Veranstaltungen von privaten Gesellschaften gewährte Ausnahmestellung als berechtigt und heilsam nicht anerkennen. Sie wirkt unsozial und aufreizend, zumal in einer Zeit, wo es Pflicht aller Bessergestellten und Höhergebildeten sein solte, den Masen des Volkes ein Beispiel der Selbstverleugnung, der Selbstbesinnung und der Hinkehr zu einer ernsteren Lebensauffassung zu geben. Dazu kommt, dass die Bestrebungen der Karnevalsfreunde weitergehen und nicht eher ruhen werden, bis dass das Ziel der Wiederaufrichtung des Karnevals in seinem vollen Umfang mit Umzügen und Straßentreiben erreicht ist. Hier heißt es unseres Erachtens: „Den Anfängen widerstehn“, sonst ist ein Halten und Haltgebieten auf der einmal beschrittenen schiefen Ebene nicht mehr möglich.

Aber, so sagen die Freunde des Karnevals, es handelt sich hier um Erhaltung eines uralten, vaterstädtischen, höchst volkstümlichen Festes, um Konservierung eines wertvollen Brauches von Alt-Köln. Es sei uns erlaubt, das als einen Irrtum zu bezeichnen. Uralt sind nur die drei „Tollen Tage“. Die jetzt bestehende Karnevalssaison von 3 Monaten, beginnend vor der Adventszeit und schließend unmittelbar vor der Passionszeit, mit all ihren Sitzungen und Bällen, ihren Ausgelassenheiten und Ausschweifungen, mit ihrer Ignorierung der kirchlichen Festzeiten, mit ihrer Lähmung des Sinns für ernste Arbeit und Pflichterfüllung, datiert erst von der sogenannten Karnevalsreform der Jahre 1822-23, in der jeder Unbefangene und ruhig Urteilende den Ursprung all der großen Schattenseiten und Missstände des heutigen Karnevals erblicken muss. Wir wollen damit nicht den drei „Tollen Tagen“ das Wort reden; vielmehr sind wir gegen jede Wiederaufrichtung des Karnevals, in welcher Form es auch sei und glauben damit alle Freunde wahrer, reiner Freude auf unserer Seite zu haben.“

Hintergrund sind die behördlichen Einschränkungen, die das Karnevalstreiben zunächst im Ersten Weltkrieg erfahren hat und die dann durch die Besetzung des Rheinlandes ihre Fortsetzung fanden. Erst von 1925 an machte sich wieder der Straßenkarneval bemerkbar, ehe bereits die Weltwirtschaftskrise seit 1929 vielen Umzügen ein Ende bereitete.

Predigt Wider den Carneval, H. Petersen Pfarrer zu Düsseldorf 1887, 3. Aufl. Verlag H. Becker; aus Bestand: AEKR Düsseldorf - Bibiliothek Sig. GP 3003;

Predigt Wider den Carneval, H. Petersen Pfarrer zu Düsseldorf 1887, 3. Aufl. Verlag H. Becker; aus Bestand: AEKR Düsseldorf – Bibiliothek Sig. GP 3003;

Das Schreiben der Kölner wanderte übrigens in die dafür zuständige Konsistoriumsakte „Acta betr. die überhandnehmenden Kirmesfestlichkeiten und Tanzbelustigungen, Bekämpfung der Karnevalsfeier“. Hatten bereits im 19. Jahrhundert mehrere rheinische Pfarrer gegen den Karneval gepredigt, so richtete noch 1949 die Düsseldorfer Kirchenleitung unter Präses Heinrich Held ein „Wort zum Karneval“ an alle Gemeinden, das in den Sonntagsgottesdiensten zu verlesen war. Vor allem mit Verweis auf die „für den Karneval vergeudeten Gelder“ und das Apostelwort „Habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis“ wird klar postuliert: „Evangelische Christen können mit dem Fastnachtstreiben nicht zu tun haben.“

Aus den 1960er Jahren stammt ein Plakat gegen den Karneval, das im Schaukasten einer evangelischen Gemeinde in Düsseldorf angebracht war.

Schaukasten Aushang einer Düsseldorfer Kirchengemeinde zu Karneval, Plakat Entwurfe Gerhard Brandt, aus Bestand: AEKR Düsseldorf 8SL 071 (Fotosammlung Hans Lachmann)

Schaukasten Aushang einer Düsseldorfer Kirchengemeinde zu Karneval, Plakat Entwurf Gerhard Brandt, aus Bestand: AEKR Düsseldorf 8SL 071 (Fotosammlung Hans Lachmann)

Konsequenterweise findet sich der Karneval noch im Aktentitel der bis 1971 geführten Sachakte des Landeskirchenamtes Düsseldorf in fragwürdiger Gesellschaft: „Verschiedenes: Tanzlustbarkeit, Karneval, Konkubinate, Prostitution, Gaststättengesetz“.

Eine mentale Öffnung und insgesamt entspanntere Haltung des Protestantismus gegenüber dem Karneval lässt sich dann erst seit den 1980er Jahren beobachten.

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