Alltagsbewältigung am 8. Mai 1945

AEKR6HA004_A15In der individuellen Wahrnehmung der meisten Deutschen bildete der 8. Mai 1945 keinen wesentlichen Einschnitt. Ungleich bedeutender war für sie die konkrete Erfahrung des Kriegsendes an ihrem jeweiligen Wohnort. In Düsseldorf zogen amerikanische Truppen bereits am 17. April ein und beendeten den örtlichen NS-Terror, der noch am Vortag mit Standgerichten gewütet hatte. So konnte drei Wochen später auch Joachim Beckmann, Pfarrer in Düsseldorf und einer der führenden Köpfe der Bekennenden Kirche im Rheinland, die Muße dieses Tages nutzen, um ganz profan an die britischen Militärbehörden einen Antrag auf Fahrerlaubnis zu stellen.

 

Wenn auch nicht am 8. Mai 1945, so doch in den Wochen davor und danach, wurden die Weichen für den kirchlichen Neuanfang im Rheinland gelegt. Am 5. Mai hatte Heinrich Held, Pfarrer in Essen-Rüttenscheid und von 1949 bis 1957 der erste Präses der Landeskirche, die Denkschrift „Zur Lage der Rheinischen Kirche“ vorgelegt. Dieser Text diente als Grundlage für die Beratungen des Rheinischen Rates, die am 6.-7. Mai sowie am 11. Mai stattfanden. Am 15. Mai verabschiedete man die grundlegende „Vereinbarung zur Wiederherstellung einer bekenntnisgebundenen Ordnung und Leitung der Evangelischen Kirche der Rheinprovinz“. Sie stellte einen Kompromiss dar: Der neuen Kirchenleitung gehörten neben den drei prominenten Vertretern der rheinischen BK (Held, Beckmann und der Wuppertaler Pfarrer Johannes Schlingensiepen) auch der bisherige Generalsuperintendent Ernst Stoltenhoff, Rudolf Harney als letzter Präses der Provinzialsynode von 1932 und Helmut Rößler als Vertreter des Konsistoriums an.

Beckmanns Antrag hat in der deutschen Übersetzung übrigens folgenden Wortlaut:

„Als der zweite Vorsitzende der Bekenntniskirche (Niemöller-Kirche) des Rheinlandes bitte ich um einen Erlaubnisschein zum Verkehr im Umkreis von Düsseldorf über 40 km (Rad oder Wagen bzw. Eisenbahn). Da ich Mitglied des Bruderrates der Bekenntniskirche im Rheinland bin, muss ich an den Beratungen des Bruderrates in Wuppertal oder Essen, wo die beiden anderen Vorsitzenden wohnen, teilnehmen. Die Leitung der Gemeinden unseres Landes muss geschehen durch Visitation zur Beratung der Geistlichen und Ältesten einzelner Gemeinden. Ich erlaube mir diese Bitte umso freimütiger, als die Bekenntniskirche durch das Naziregiment in mehr als 10 Jahren verfolgt worden ist. Die Bekenntniskirche hat sehr gelitten und muss baldigst wieder aufgebaut werden.

In der Hoffnung einer Erfüllung meiner Bitte

Ergebenst [Joachim Beckmann]“

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