Die Macht des Schweigens – Präses Heinrich Held und die Berufung von Dozent Ernst Fuchs auf den Lehrstuhl für Neues Testament an der Universität Bonn

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Ernst Fuchs, Christentum und Sozialismus, Stuttgart 1946

Dozent Ernst Fuchs war chancenlos. Er ahnte es lange Zeit noch nicht einmal, weil er der Bekennenden Kirche angehörte, und Heinrich Held, den späteren ersten Nachkriegspräses der Evangelischen Kirche im Rheinland, kannte er aus den Tagen, als die Bekennende Kirche sich gegen die Deutschen Christen wehrte. Er wollte daher zunächst nicht wahrhaben, dass dieser ehemalige Mitstreiter vehement seine Berufung auf den Bonner Lehrstuhl für Neues Testament hintertrieb. Pikant: Eine Kirchenleitung, die die Barmer Theologische Erklärung als ihre Bekenntnisgrundlage betrachtet, verweigert einem Mitglied der Bekennenden Kirche, dem die Nationalsozialisten 1933 die Lehrbefugnis entzogen hatten, die Wiederbeilegung der „venia legendi“. Es ging allerdings noch um ein Weiteres. Plakativ ausgedrückt: Die Freiheit der theologischen Wissenschaft in Bonn endet an der theologischen Einstellung des Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland. Weiterlesen

Trotz Notzeiten und Papierknappheit: An die Einführung von Pfarrer Heiermann in Lennep am 3. Advent 1946 erinnert eine gedruckte Predigt

Erinnerung an die Einführung von Pastor Heiermann aus Dortmund , 3. Advent 1946 ; Ansprache am 15. Dezember 1946; aus Bestand: AEKR Düsseldorf Archivbibliothek Bec 2700

AEKR Düsseldorf Archivbibliothek Bec 2700

Auf der Suche nach einem Adventsthema für unseren Blog stieß ich im Katalog der Archivbibliothek auf die gedruckte Einführungspredigt des Pfarrers Bernhard Heiermann vom 3. Advent (15.12.) 1946. Das ist genau 70 Jahre her und ich war erstaunt, dass in dieser Zeit des alltäglichen Mangels und der Not das Papier vorhanden war, um dieses Heft „Zur freundlichen Erinnerung an die Einführung“ zu drucken. Den Auftrag führte die J.F. Ziegler’sche Buchdruckerei in Remscheid im Januar 1947 aus. Das Exemplar gelangte aus dem Besitz des früheren Präses Joachim Beckmann in den Bestand der Archivbibliothek. Das stark holzhaltige, grobe Papier ist stark gebräunt und brüchig. Das Titelblatt ziert ein Foto des Kirchturms der alten evangelischen Stadtkirche in Lennep. Weiterlesen

Bestand des Beauftragten für die französische Besatzungszone neu erschlossen

Mit dem Kriegsende 1945 gehörten die evangelischen Gemeinden der Regierungsbezirke Koblenz und Trier zur französischen Besatzungszone. Für die in der britischen Zone amtierende Düsseldorfer Kirchenleitung war es daher nötig, einen offiziellen Beauftragten zu Verhandlungen mit staatlichen Stellen und Besatzungsbehörden zu berufen. Ihre Wahl fiel auf den erfahrenen und sprachkundigen Koblenzer Superintendenten Lic. Carl Sachsse (1889-1966, ja, er wird mit zwei s geschrieben …).

Seine Akten sind für die Nöte und Sorgen der unmittelbaren Nachkriegszeit eine wahre Fundgrube. Stichworte lauten hier: Politische Fragebogen der Pfarrer, Verhandlungen mit den Militärbehörden, Zusammenarbeit mit Wohlfahrtsverbänden und Hilfswerken, Schulfragen, Jugendarbeit, Flüchtlingsfragen, Betreuung der in den Strafanstalten Landsberg und Wittlich inhaftierten NS-Kriegsverbrecher, Ein- und Ausreisegenehmigungen, Displaced Persons. Der Bestand war bislang nur über eine knappe Aktenliste erschlossen. Im Rahmen seines LVR-Praktikums beim Archiv hat nun Herr Markus Möller ein detailliertes Findbuch erstellt, das online abrufbar ist.

Im Zweiten Weltkrieg wurde auch der Abendmahlswein rationiert

In Deutschland wurde schon vier Tage vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges der Bezug von Lebensmitteln, Benzin und wenig später von Kleidung rationiert und es wurden entsprechende Lebensmittelmarken und Bezugsscheine ausgegeben. Dass auch der Wein für die Feier des Abendmahls in den Kirchen nicht mehr im gewohnten Umfang zur Verfügung stand, überrascht dann eigentlich nicht.

Barocker Abendmahlskelch von 1750, fotografiert von Angelo Steccanella

In der zum Thema „Austeilung des heil. Abendmahls“ angelegten Sachakte im Archivbestand 1OB 002 (Nr. 711) wird der Notstand bei der Versorgung mit Wein erstmals im März 1942 thematisiert. Die Kirchenkanzlei der Deutschen Evangelischen Kirche teilt in einem Erlass mit, dass die „Fühlungnahme mit der Hauptvereinigung der deutschen Weinbauwirtschaft ergeben hat, dass eine zentrale Regelung der Frage nicht möglich ist.“ Da eine Zwangsbewirtschaftung des Weines nicht eingeführt sei, könne auch kein Kontingent z.B. für kirchliche Zwecke zur Verfügung gestellt werden. Es stünde weniger als die Hälfte der früheren Menge für den zivilen Bedarf zur Verfügung. Einem anderen Schreiben ist zu entnehmen, dass besonders die Landeskirchen, in deren Gebiet keine Weinanbaugebiete liegen, große Versorgungsschwierigkeiten hatten. Weiterlesen

Ein Merkblatt für die Hausfrau für den Umgang mit Dienstmädchen

Änne Kaufmann Berufstätigenarbeit aus: 7NL084, 39

Merkblatt für die Hausfrau, 1950,
aus: 7NL084 Pastorin Änne Kaufmann, 39

1950 wagte sich der Sozialausschuss des Rheinischen Mädchenwerkes, dem auch Pastorin Änne Kaufmann angehörte, an eine Diagnose der Situation junger Arbeiterinnen. Eine der dabei untersuchten Berufsgruppen war die der Hausangestellten, weniger förmlich also der Dienst- oder Hausmädchen.

Dienstmädchen wohnten ständig im Haushalt ihres Arbeitgebers und verrichteten dort sämtliche hauswirtschaftlichen Arbeiten gegen Kost und Logis und einen kleinen Lohn. Seine eigentliche Blütezeit hatte das sog. Dienstbotenwesen bereits im 19. und frühen 20. Jahrhundert erlebt, aber auch in den 1950er Jahren war es noch durchaus üblich.

Frau Oberin Hinsberg schilderte dem Ausschuss in ihrem Referat „Die besondere Lage der Hausangestellten“  das Dilemma dieses Berufsfelds: zahlreiche Stellen waren in diesem fast rein weiblichen Berufszweig unbesetzt, obwohl die Zahl der arbeitssuchenden Frauen in die Tausende ging. Viele Frauen wollten einfach nicht im Haushalt arbeiten.

Der kurzen Liste von Vorteilen des Berufs setzte Hinsberg eine lange Liste von Nachteilen entgegen. Weiterlesen

Der eloquente Dr. Grünagel

Reichsbischof Ludwig Müller in Aachen: v.l.n.r.: Zehn - Bruch - Müller - Staudte - Grünagel. ca. 1933/1934?

Reichsbischof Ludwig Müller in Aachen:
v.l.n.r.: Zehn – Bruch – Müller – Staudte – Grünagel.
um 1933

Damit hatte die Kirchen-leitung der Evangelischen Kirche im Rheinland nicht gerechnet: „Nun gesellen Sie sich“, so schrieb Präses Heinrich Held im Dezember 1949 an Oberkirchenrat Oskar Söhngen in Berlin-Charlottenburg, „auch noch zu den Vielen, die für Dr. Grünagel eintreten, und mein Aktenstück wird immer stärker.“ Für den ehemaligen Aachener Pfarrer Friedrich Grünagel verwendeten sich zahlreiche, teilweise prominente Persönlichkeiten: Neben Oberkirchenrat Söhngen Professor Emil Weber, Superintendent Paul Staudte, Emmi Welter, Vorsitzende der rheinischen Frauenhilfe und Mitglied des Deutschen Bundestags, Eugen Gerstenmaier, Leiter des Evangelischen Hilfswerks und späterer Bundestagspräsident, Kirchenpräsident Hans Stempel, Kirchenpräsident Martin Niemöller, Landesbischof Julius Bender u.a.. Die rheinische Kirchenleitung um Präses Heinrich Held geriet zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Weiterlesen

Ein Brief des Theologen Karl Barth vom 16. August 1945

Jahrestagung Wuppertal 1956 am Mikrofon Karl Barth (10.05.1886-10.12.1968) Professor für systematische Theologie, Theologische Fakultät der Universität Bonn (1930-1935), Universität Basel (1935-1962), Gesellschaft für Ev. Theologie , Foto: Hans Lachmann, Abgabe: Heinz Joachim Held 05/2006, aus Bestand: AEKR Düsseldorf 8SL 046 (Bildarchiv), 80020_08

Jahrestagung Wuppertal 1956 am Mikrofon Karl Barth, Foto: Hans Lachmann, aus Bestand: AEKR Düsseldorf 8SL 046 (Bildarchiv), 80020_08

Die berufliche Tätigkeit der tüchtigen Rendantin Katharina Seifert für die Rheinische Kirche ist kürzlich hier im Blog vorgestellt worden. Im August 1945 erhielt sie im kriegszerstörten Düsseldorf Post aus der Schweiz. Der berühmte Theologe Karl Barth (1886-1968), mit dem sie seit 1930 bekannt war, hatte ihr einen langen Brief geschrieben, in dem er auf die kirchenpolitische Situation im Rheinland und in Deutschland kurz nach Kriegsende eingeht. Der bislang unpublizierte Brief fand sich im Nachlass von Prof. Jürgen Fangmeier, einem Schüler Karl Barths und Mitarbeiter an der Barth-Gesamtausgabe. Weiterlesen

Advent im Kriegsgefangenenlager

Erste Seite der Ev. Lagerzeitung „Unter dem Wort“, Nr. 18/1945, hrsg. von Pfarrer Rolf Girardet, Archivbibliothek Sig. ZK 838

Der Advent ist eine Zeit des Wartens und Hoffens.

Das haben sicherlich auch die Leser der Adventsausgabe des Jahres 1945 des evangelischen Gemeindeblatts „Unter dem Wort“ so empfunden, als sie die einleitenden Worte über den Philipperbrief lasen. Immerhin war ihre Zukunft ungewiss, da sie sich bis auf weiteres als Kriegsgefangene im amerikanischen Lager Fort Custer in Michigan befanden.

Zu den Gefangenen zählte auch der rheinische Pfarrer Rolf Girardet (1912-1984). Weiterlesen

Das neue Findbuch der Ev. Gemeinde Düsseldorf ist jetzt online!

Neanderkirche Lachmann

Ev. Neanderkirche in Düsseldorf (Fotosammlung Hans Lachmann), Bauakten der Neanderkirche: 4KG 005, Nr.217-230 u. 545

Der Aktenbestand der im Jahr 1948 aufgelösten Ev. Großgemeinde Düsseldorf, der eine Gesamtlaufzeit von fast 400 Jahren hat, hat bewegte Zeiten hinter sich.

Durch deren Vereinigung im Jahr 1824 flossen die Akten von zwei über mehr als zweihundert Jahre getrennten Gemeinden, nämlich der Lutherischen und der Reformierten Gemeinde, zu einem Gemeindebestand zusammen. Dieser wurde bereits gute zehn Jahre später erstmals von Pfarrer Heinrich Wilhelm Budde erfasst. Das von ihm in den Jahren 1837 erstellte Repertorium bezeichnete Landeskirchenarchivar Walter Schmidt bei seinen Verzeichnungsarbeiten im Jahr 1951 als „wenig brauchbar“, da die Bestände einfach ungeordnet und ohne Rücksicht auf chronologische Abfolgen in eine feste Heftung gebracht worden waren. Trotz aller Mängel der Verzeichnung hat dieser Altbestand der Ev. Gemeinde Düsseldorf  – im Gegensatz zu der überwiegenden Masse des jüngeren Schriftguts – den Krieg weitgehend überstanden und bildet nun einen bedeutenden Fundus auch für stadtgeschichtliche Forschungen, da die Überlieferungen der Stadt Düsseldorf vor 1800 verhältnismäßig gering ist.
Zur besseren Nutzbarkeit sah sich Schmidt im Jahr 1951 genötigt, die Konvolute aufzulösen und völlig neu zu ordnen. Herausgekommen ist ein ausführliches, informatives Findbuch: der Bestand Düsseldorf I. Weiterlesen

Bezugsschein für „geistige Nahrung“ entdeckt

In der Nachkriegszeit gab es für viele Produkte Bezugscheine, so auch für das Gesangbuch.
Beim Ordnen der Sammlung in der Evangelischen Archivstelle Boppard, fand sich dieser Bezugsschein über ein Evangelisches Gesangbuch für Rheinland und Westfalen (Kleinausgabe 1948) zum Preis von 7,50 RM. Der Stempel trägt die Umschrift: Provinzialsynodalverband der Rheinlande.

Bezugschein über ein Evangelisches Gesangbuch für Rheinland und Westfalen 1948Die rheinische Provinzialkirche erhielt am 12. November 1948 eine neue Verfassung und trägt seitdem den Namen „Evangelische Kirche im Rheinland“. Diese Bezugscheine konnten beim zuständigen Pfarrer abgeholt werden und bei jedem Buchhändler eingelöst werden.

 

Der Bezugsschein hat die Maße 107 x 74 mm