Neuerscheinung: 100 Lebensbilder des rheinischen Protestantismus

Zwischen Bekenntnis und Ideologie, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig

Ab sofort lieferbar ist ein neues Buch der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig. Unter dem Titel „Zwischen Bekenntnis und Ideologie“ bündelt es 100 Kurzbiografien bekannter wie unbekannter evangelischer Rheinländerinnen und Rheinländer. Die Geburtsjahrgänge reichen von 1856 bis 1934 und umfassen damit Menschen, die aktiv Einfluss auf die Entwicklung in Kaiserreich und Weimarer Republik genommen haben ebenso wie auch Menschen, die ihre Kindheit und Jugend unter totalitären Vorzeichen erleben mussten.

Die Kommission der Evangelischen Kirche im Rheinland für Kirchengeschichte hatte im Auftrag der Kirchenleitung die Konzeption erarbeitet. Insgesamt haben sich vierzig Autorinnen und Autoren an dem Band beteiligt. Auch vier Mitarbeitende unseres Archivs haben zu dem Buch beigetragen. Die „Lebensbilder“ können zum Preis von 30,–€ im Buchhandel bezogen werden.

Kinderverschickung in die Niederlande 1948-1950

Kinderverschickung, Ankunft der Kinder am Bahnhof in Rotterdam, „Plaatselijk comité Pleegkinderen Buitenland“, ca. 1949, aus Bestand: AEKR 5WV 052 (Diak. Werk – Hilfswerk, Geschäftsstelle Düsseldorf)

Etwas verloren schauen sie schon drein, die 4-10 jährigen Kinder aus dem Rheinland und Westfalen, als sie im Frühjahr 1949 nach ihrer Ankunft auf dem Hauptbahnhof in Rotterdam von ihren Betreuerinnen in Empfang genommen werden. Jedes von ihnen trägt um den Hals eine Namens- und Adresskarte mit den nötigsten Angaben.

Das Foto stammt aus unserem neu erschlossenen Bestand Hilfswerk und dokumentiert eine beeindruckende Hilfsaktion der holländischen Bevölkerung gegenüber den Deutschen, deren Überfall auf den Nachbarn 1940 und die anschließende vierjährige Besatzungszeit über 200.000 Todesopfer gefordert hatten. Alles begann im Juni 1949 mit einem überraschenden Angebot des „Interkerkelijk Bureau Pleegkinderen uit het buitenland“ (IKB) in Den Haag. Weiterlesen

Sprachförderung für Vertriebene

Jungendwohnheim für Vertriebene Mädchen

Zeitungsartikel „Deutsche Mädchen lernen Deutsch“- Förderschule im Bergischen Land hat sich bewährt, von Walter Vitten, Rheinische Post, Nr. 241, Mittwoch 16. Oktober 1957, Bilder Hasselbeck;

Die Sammlung mit Dokumenten zu Kirchengemeinden und Kirchenkreisen des Archivs der Evangelischen Kirche im Rheinland enthält unter anderem einen Zeitungsartikel aus dem Jahr 1957 zur Sprachförderung für Vertriebene.

Dieser Artikel fand mein besonderes Interesse, weil ich von diesen frühen Bemühungen zur Sprachförderung von Vertriebenen und Flüchtlingen hier in Deutschland bisher keine Kenntnisse hatte.

„Deutsche Mädchen lernen – Deutsch“

Schon 1957 hatten Verantwortliche in der Evangelischen „Hasensprungmühle“ bei Leichlingen beziehungsweise die Evangelische Kirche im Rheinland das Problem erkannt, dass Vertriebene außerhalb der ehemaligen Ostgebiete erst einmal Deutsch lernen müssen, um sich beruflich in Deutschland integrieren zu können.

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Konfessionelle Zwänge unter dem landesherrlichen Kirchenregiment

Gottesdienstliche Gebete für die Gesundheit des Landesherrn waren in der Zeit des landesherrlichen Kirchenregiments, die in Deutschland bis 1918 währte, eine Selbstverständlichkeit. In gemischtkonfessionellen Territorien der Frühen Neuzeit konnte es dabei vorkommen, dass eine Gemeinde inbrünstig für einen Fürsten beten musste, der einer anderen Konfession als der ihrigen angehörte oder sogar deren ausgewiesener Gegner war. Das war im 18. Jahrhundert in der Kurpfalz der Fall.

Erste und letzte Seite des Gebets um Genesung des pfälzischen Kurfürsten Johann Wilhelm, 1712 (AEKR Boppard, Bestand Kirchengemeinde Heddesheim, Nr. 4, Akte 08)

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Wer ist Azombo Nsomoto Victor?

Brief von Azombo Nsomoto Victor an Präses Joachim Beckmann, 21.12.1959, Seite 1 (Ausschnitt);
aus: 1OB 017I, Nr.256

Am 8. Januar 1960 erreichte ein Schreiben aus dem fernen Douala, der größten Stadt Kameruns, Präses Joachim Beckmann. In französischer Sprache und sorgfältiger Handschrift fordert der Briefschreiber eindringlich zur ökumenischen Unterstützung der protestantischen Kirchen in Kamerun auf. Der Absender: Azombo Nsomoto Victor. Weiterlesen

Die Frauen halten letztlich den Laden zusammen: Neues zur Geschichte der Rheinischen Frauenhilfe

Mitgliedskarte der Frauenhilfe Rheydt mit Protrait der Kaiserin. (Archiv der Ev. Kirche im Rheinland, 801071_123)

Die 1899 in Berlin gegründete „Evangelische Frauenhülfe“ geht auf eine Initiative der Kaiserin Auguste Viktoria zurück. Bereits 1912 hatte sie reichsweit über 250.000 Mitglieder und bildete somit die größte evangelische Frauenorganisation.

Den Werdegang des rheinischen Zweigverbandes der Frauenhilfe hat nun Dr. Annett Büttner in einem Beitrag für das Portal Rheinische Geschichte anschaulich beschrieben. Einige der zahlreichen Abbildungen stammen auch aus dem Archiv der EKiR. Leider ist die Altregistratur der Rheinischen Frauenhilfe bei der Zerstörung ihres Vereinsheimes in Wuppertal-Barmen 1943 restlos vernichtet worden. Eine erstaunlich dichte Gegen- bzw. Ersatzüberlieferung bietet wiederum der Bestand Ohl, hier Nr. 2136-2150.

Ergänzend hinzuweisen ist noch auf weitere Facetten kirchlicher Frauenarbeit wie den gleichfalls im Kaiserreich entstandenen Deutschen Evangelischen Frauenbund (DEF). Dieser war gesellschaftspolitisch aufgeschlossener als die Frauenhilfe; exemplarisch erhalten ist das Archiv des DEF-Ortsverbandes Boppard von seiner Gründung an. Schließlich hat auch der rheinische Gustav-Adolf-Verein eine eigene Frauenarbeit geleistet.

„…vorher nicht geahnte Nöte“ Mischehenseelsorge in den 1950er Jahren

Die Frage der „Mischehen“ zwischen Katholiken und Protestanten trieb die Evangelische Kirche im Rheinland vor allem in den 1950er und 1960er Jahren um. Sogar ein eigener Beauftragter für Mischehenarbeit, der Mehrener Pfarrer Anton Jongen,  wurde berufen, der bereits im Jahr 1958 so mit der Arbeit ausgelastet war, dass er beim Landeskirchenamt um Unterstützung durch einen Hilfsprediger oder Missionar bat (siehe 1OB 017 I, Az. 11-4-8, Bd.1, Nr. 235). In den 1950er Jahren war es vor allem der Zuzug von Evangelischen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in die sonst eher katholischen Rheinlande, der die Zahl der konfessionsverschiedenen Eheschließungen ansteigen ließ. In beiden Konfessionen war diese Entwicklung unerwünscht.

Am 9. Januar 1958 beschloss die rheinische Synode ein Wort an die Gemeinden in dieser Sache, das 10 Tage später in allen Gottesdiensten verlesen wurde. Weiterlesen

Gottesdienste werden nicht nur in kirchlichen Räumen gefeiert

Hast du auch schon mal an einem Gottesdienst im nichtkirchlichen Gebäude teilgenommen?

Gottesdienst im nichtkirchlichen Gebäude, Fotograf: Hans Lachmann, Schachte Nr. 24a: Diaspora; aus Bestand: AEKR 8SL 046 (Bildarchiv)

Vielleicht kennt jemand von den Leserinnen und Lesern das aus eigenem Erleben: Protestantische Gottesdienste werden nicht nur in Kirchen oder Gemeindezentren gefeiert. Wenn die Gemeinde für einen Bereich keine Gottesdienststätte besitzt, dann wurde – und wird – in andere geeignete Räume ausgewichen; es kann sich z.B. um Säle in einer Gaststätte oder den Klassenraum einer Schule handeln.

Eine interessante Aufstellung über die Gebäude im Gebiet der Evangelischen Kirche im Rheinland nach dem Stand vom 1. Januar 1962 findet sich in unserer Archivbibliothek in der Zeitschrift „Der Küster. Fach- und Mitteilungsblatt der evangelischen Küster im Rheinland, Westfalen, Lippe und Saarland“, Heft Nr. 47, Oktober/Dezember 1963: Demnach gab es am Stichtag 1.000 Kirchen, 724 Gemeindehäuser und 1081 Pfarrhäuser im Eigentum der evangelischen Kirchengemeinden. Weiterlesen

Ein Fotoalbum aus der Zeit des Kirchenkampfs

Ein wertvolles Dokument aus dem persönlichen Nachlass des Koblenzer Pfarrers und Superintendenten Wilhelm Rott (1908-1967) wurde jetzt der Evangelischen Archivstelle Boppard übergeben und den Unterlagen beigefügt, die sich schon in Boppard befanden. Es handelt sich um ein Fotoalbum, das Bilder aus dem Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Finkenwalde (Pommern) enthält.

Titelblatt des Fotoalbums mit Bildern aus dem Wintersemester 1936/37 (aus Bestand: AEKR Boppard 7NL 024B (Nachlass Superintendent Wilhelm Rott)

Wilhelm Rott war zwischen 1935 und 1937 Studieninspektor in dem von von Dietrich Bonhoeffer geleiteten Seminar. In der von der offiziellen altpreußischen Kirchenleitung als illegal eingestuften Einrichtung wurden bekenntniskirchliche Vikare auf den Pfarrdienst vorbereiten. Neben der theologischen Wissensvermittlung legte Bonhoeffer großen Wert auf christlichen Gemeinschaftsgeist im alltäglichen Leben, so wie er es in seiner 1938 erschienenen Schrift „Gemeinsames Leben“ im Rückblick auf die Finkenwalder Erfahrungen ausgeführt hatte. Andachten, geistliche Übungen und gemeinsames Singen und Musizieren strukturierten den Tag der Vikare in Finkenwalde. Dass darüber hinaus aber gelegentlich auch noch Zeit für gesellige Aktionen blieb, belegt das „Gruppenbild mit Schneemann in Segenshaltung“ auf anrührende Weise.

Gruppenbild der Finkenwalder Vikare im Wintersemester 1936/37. Dietrich Bonhoeffer in der 2. Reihe von oben 3 v. l., Wilhelm Rott schräg unterhalb rechts neben ihm, Fotograf unbekannt. aus Bestand: AEKR Boppard 7NL 024B (Nachlass Superintendent Wilhelm Rott)

Deutsche Auswandererseelsorge in Brasilien vor 1914

Pfarrersleute in Brasilien, in: 75 Jahre deutsch-evangelischer Diasporaarbeit in Nord- u. Südamerika – Eine deutsche evangelische Kirche im Urwalde Südbrasiliens, P.M. Dedekind, Elberfeld 1912

„Pfarrersleute in Brasilien“, so lautet der Titel dieser ca. 1912 entstandenen Aufnahme in der Festschrift der „Evangelischen Gesellschaft für die protestantischen Deutschen in Amerika“. Beim Blick auf das Pfarrerehepaar hoch zu Ross vermag man auch die praxisnahen „Ratschläge für die Ausrüstung“ ( 1,37 MB) nachzuvollziehen, die 1905 von der Gesellschaft für ausreisefreudige jüngere deutsche Theologen publiziert wurden. Dort wird den Pfarrfrauen unter anderem die Mitnahme eines Reitrocks, lang aus schwarzem, waschbaren Stoff, empfohlen. Dem Pfarrherrn wurde dringend nahegelegt: „1 guter Revolver mit Zentralfeuer und nötige Munition u. U. angenehm. Jagdflinte würde nur sehr seltenen Gebrauch finden. Praktisch ein längeres Jägermesser.“

Akten und Publikationen der 1837 ursprünglich in Langenberg gegründeten, später in Barmen beheimateten Gesellschaft befinden sich jetzt im Archiv der EKiR.

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