Über Dr. Stefan Flesch

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Bestände zur rheinischen Diakoniegeschichte zugänglich gemacht

Dr. Otto Ohl, Geschäftsführender Direktor des Rheinischen Provinzialausschusses für Innere Mission, 1957, Fotograf: Hans Lachmann, aus Bestand: AEKR 8SL 046 (Bildarchiv), 011_0084

Interessieren Sie sich z. B. für soziale Hilfsmaßnahmen während der Weltwirtschaftskrise, die Kinderlandverschickung im Zweiten Weltkrieg oder die Betreuung weiblicher Jugendlicher aus der SBZ nach 1945? Dann werden Sie fündig in der Registratur von Otto Ohl, der von 1912 bis 1963 als Geschäftsführer des Rheinischen Provinzialausschusses für Innere Mission in Langenberg amtierte.

Über den Schreibtisch dieses begnadeten Netzwerkers liefen für ein halbes Jahrhundert alle Korrespondenzen zu den Anstalten und Heimen der Inneren Mission im Rheinland ebenso wie die vielfältige Vereinsarbeit im sozialen und diakonischen Bereich. Das Findbuch zum “Bestand Ohl” mit nicht weniger als 2347 Verzeichnungseinheiten ist nun online gestellt worden. Weiterlesen

Digital dark age in der Rheinischen Kirche?

In der heutigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung widmet sich Corinna Budras unter dem Titel “Für immer verloren” (ohne Fragezeichen!) dem schon öfter diagnostizierten Problem, dass es keine gesicherte Langzeitarchivierung für die stetig wachsende Menge an digitalen Daten gibt. Deren Volumen wird 2020 nach Prognosen weltweit bei etwa 40 Zettabytes liegen – und damit 50-mal so hoch wie noch 2010. Bei ihrem eher pessimistischen Ausblick beruft sie sich auf Experten wie den amerikanischen Informatiker Vint Cerf und Klaus Nippert vom Karlsruher KIT. Vieles davon kennt man bereits von der bei ARTE ausgestrahlten Dokumentation “Unser digitales Gedächtnis”. Einen knappen, aber informativen Einstieg in das drohende dunkle digitale Zeitalter bietet auch der englische Wikipedia-Artikel.

Zurück von der Zukunft(sdeutung) zur praktischen Arbeit: Im Archiv der EKiR stehen wir wie viele Kolleginnen und Kollegen vor allem vor der Herausforderung, Überlieferungswege für die vagabundierende E-Mail-Kommunikation im Landeskirchenamt und anderen kirchlichen Ämtern und Einrichtungen zu entwickeln.  Viele Mails, die durchaus als Briefersatz für den Geschäftsgang hochrelevant sein können, werden nicht vom bestehenden Dokumentenmanagement erfasst und sind spätestens etwa mit dem Ruhestand ihrer Verfasser verloren. Der in Sonntagsreden vielbeschworenen Transparenz des Verwaltungshandelns ist dies gewiss nicht förderlich.

Brutalismus light – Die Architektur des Landeskirchenamtes Düsseldorf

Mitte der 1960er Jahre herrschte in dem gründerzeitlichen Dienstgebäude des Landeskirchenamtes an der Düsseldorfer Inselstraße drangvolle Enge. Der 1936 vom damaligen Konsistorium bezogene Bau war nur für die Hälfte der nunmehr erreichten Mitarbeiterzahl ausgelegt. Es herrschte Konsens, einen “nüchternen” Verwaltungsbau neu auf kirchlichem Grundstück im Stadtteil Derendorf zu errichten, “dem man nicht ansehen sollte, dass es sich um ein Landeskirchenamt handelt” (so die entsprechende epd-Pressemitteilung).

Landeskirchenamt der EKiR und Archiv in Düsseldorf- damals und heute, Collage mit Fotos u.a. Harro Bleckmann und Hans Lachmann

Die 1965 für den Bauwettbewerb einberufene Preisjury war hochkarätig besetzt. Ihr gehörten an u. a. der für den Wiederaufbau Rotterdams maßgebliche niederländische Architekt Jo van den Broek,  die prominenten deutschen Architekten Dieter Oesterlen und Oswald Mathias Ungers sowie -last but not least- der einflussreiche Düsseldorfer Baudezernent Friedrich Tamms. Der ehemalige Mitarbeiter Albert Speers hatte Düsseldorf in dem Jahrzehnt zuvor konsequent im Sinne der “autogerechten Stadt” umgestaltet. Von den 76 (!) eingereichten Entwürfen erhielt der Kölner Architekt Ulrich von Bonin den mit 12.000 DM dotierten ersten Preis. Weiterlesen

Neuerscheinung: “Düsseldorfer Erinnerungsorte”

Was haben die Königsallee, Heinrich Heine, Fortuna Düsseldorf und das Kom(m)ödchen gemein? Sie können Menschen als identitätsstiftende Erinnerungsorte (“lieux de mémoire”) dienen, ganz so wie es das anregende Konzept des französischen Historikers Pierre Nora in den 1980er Jahren entwickelt hat. Über 120 solcher Orte, Personen oder Ereignisse bündelt ein neues Buch, das von Benedikt Mauer (Stadtarchiv) und Enno Stahl (Heine-Institut) herausgegeben worden ist.

Der Abschnitt “Evangelisch sein in Düsseldorf” thematisiert dabei neben den üblichen Verdächtigen wie der Neander- und der Johanneskirche auch Unbekannteres, so das Pfarrhaus von Joachim Beckmann im Stadtteil Bilk. Zum evangelischen Markenkern Düsseldorfs gehört selbstverständlich auch das Diakonissenmutterhaus in Kaiserswerth.

Das reich bebilderte Buch ist im Klartext Verlag Essen erschienen und ab sofort zum Preis von 19,90 Euro im Handel zu erwerben.

Der Zeitschriftenbeobachtungsdienst der Evangelischen Kirche im Rheinland: Kein Ruhmesblatt der Pressegeschichte

Der rasch expandierende Zeitschriftenmarkt der Fünfzigerjahre veranlasste die rheinische Kirchenleitung 1956 zur Gründung eines eigenen Zeitschriftenbeobachtungsdienstes. Argumentiert wurde mit dem Wächterdienst von Kirche, der ihrem Öffentlichkeitsauftrag entspringe. “In Sorge über den Tiefstand” der Illustrierten und der Wochenendpresse sollten fortan ca. 30 ehrenamtliche Mitarbeitende die Zeitschriften regelmäßig bewerten. Die Beurteilungsergebnisse, die von “tragbar” bis “für alle abzulehnen” reichten, konnten von Pfarrern und kirchlichen Dienststellen bezogen werden.

Verkauf verschiedener Zeitungen am Kiosk, aus Bestand: 8SL 071 (Fotosammlung Lachmann), Schachtel Zeitungen;

Zum Geschäftsführer wurde Friedrich Wilhelm Nerlich (1902-1974) berufen. Dieser Personalentscheidung kann man zumindest die Originalität nicht absprechen, hatte doch der damalige Pastor Nerlich schon seit 1930 als rühriger Amtswalter z.b.V. (konkret: Blockwart) der NSDAP in Wetzlar gewirkt. Eine weitere Parteifunktion bildete die Leitung des Sozialamtes eines Unterbanns der HJ. Die Rechte des geistlichen Standes hatte er freilich 1935 verloren, als er wegen Sittlichkeitsdelikten gegenüber Jugendlichen zu einer 18-monatigen Haftstrafe verurteilt worden war. Weiterlesen

Kirchenordnungen: Eine unendliche Reformdebatte

Karte ohne Pins, Josef Niessen, Geschichtlicher Handatlas der deutschen Länder am Rhein. Mittel- und Niederrhein, Köln 1950, S. 20,Archivbibliothek LR1/211

Kirchenordnungen bilden seit dem 16. Jahrhundert so etwas wie die Verfassungstexte evangelischer Landeskirchen.

Anlässlich einer Fachtagung in Emden zur möglichen Reform der rheinischen Kirchenordnung skizzierte dieser Vortrag (PDF) die große Vielfalt an lutherischen, reformierten und reformkatholischen Kirchenordnungen, die im Gebiet des Rheinlandes teilweise bis zur französischen Zeit in Geltung standen.

Immer wieder -und bis in die Gegenwart- wechselten dabei Phasen detailverliebter Einzelregelungen mit Versuchen einer Verschlankung und Konzentration auf das Wesentliche ab. So widmete sich die immerhin 360 Seiten starke Kirchenordnung der Wild- und Rheingrafschaft von 1693 mit Inbrunst der genauen Speisenfolge, wie sie bei der auf 12-14 Uhr angesetzten Mittagspause während der Pfarrerkonvente gehandhabt werden sollte: …  Weiterlesen

Katholische Reformationen: Eine Tagung in Aachen

Am 17.-18. Februar 2018 veranstalten das Institut für Katholische Theologie der RWTH Aachen und die dortige Bischöfliche Akademie eine wissenschaftliche Tagung unter dem Titel “Katholische Reformationen”. Warum der Hinweis darauf in einem “evangelischen” Blog? Nun, weil es bei den Themen um die Lebenswirklichkeit in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts geht. Nachträgliche Etikettierungen helfen nicht weiter beim Verständnis dafür, wie umfassend damals der Wunsch nach Reformen in der Kirche war. Die regionalen Schwerpunkte liegen dabei auf Sachsen und dem Rheinland.

Alle Informationen zur Tagung sowie den Flyer mit dem vollständigen Programm finden Sie hier. Anstelle des hier noch angegebenen Vortrages von Dieter Weiß wird Götz-Rüdiger Tewes sprechen über “Reform(ation)en und Luthergegnerschaft in Köln”.

Tagungshinweis: Kritik der digitalen Vernunft

Schon einmal etwas von Modellathons und Poster Slams gehört oder geschweige denn teilgenommen? Der Verband DHd – “Digital Humanities im deutschsprachigen Raum” veranstaltet vom 26. Februar bis zum 2. März 2018 seine fünfte Jahrestagung unter dem Titel “Kritik der digitalen Vernunft”. Tagungsort ist die Universität Köln, alle Informationen findet man hier.

Das ungemein facettenreiche Programm bietet Workshops und weitere innovative Tagungsformate zu allen Themengebieten der digitalen Geisteswissenschaften. Aus archivischer Sicht hervorzuheben sind die Veranstaltungen zur automatischen Texterkennung mit Transkribus, zu digitalen Editionen, zur Nutzung von Wikidata sowie zu kollaborativen Erschließungsprojekten.

“Papisten, Ketzer und Häretiker…” Religion im Rheinland des 16. Jahrhunderts

Schon einmal etwas von den Melchioriten, den Davidsjüngern oder den Familisten im Haus der Liebe gehört? Diese Gruppierungen gehörten alle zur religiösen Realität der frühen Neuzeit ebenso wie die bekannteren Täufer und Spiritualisten.

Ketzer und Häretiker sind bekanntlich immer die anderen, oder, sehr frei nach dem Diktum von Sartre: L´enfer, c´est les autres (Die Hölle, das sind die anderen). Ein Vortrag (PDF-155KB) in Duisburg – daher die gelegentlichen lokalen Akzente –  stellt diese zumeist brutal unterdrückten Netzwerke vor, die abseits des konfessionellen Mainstreams von Katholiken, Lutheranern und Reformierten existierten. Einige Illustrationen dazu finden Sie hier:

Der Weseler Konvent 1568: Schlüsseldatum rheinischer Kirchengeschichte oder Fake-Event?

Spätestens seit seiner 300-Jahr-Feier 1868 gilt der sogenannte Weseler Konvent vom    3. November 1568 gewissermaßen als grundlegende Weichenstellung für die reformierte Kirche in Nordwesteuropa: Damals hätten die dort anwesenden 43 Vertreter niederländischer Flüchtlingsgemeinden erstmals Artikel für eine presbyterial-synodale Kirchenverfassung formuliert.

Der amerikanische Historiker Jesse Spohnholz hat nun hierzu vor einigen Wochen eine 280 Seiten starke Monografie publiziert: „The Convent of Wesel. The Event that never was or The Invention of Tradition“. Dort legt er m. E. überzeugend dar, dass dieser Konvent nie stattgefunden hat. Weiterlesen