Der eloquente Dr. Grünagel

Reichsbischof Ludwig Müller in Aachen: v.l.n.r.: Zehn - Bruch - Müller - Staudte - Grünagel. ca. 1933/1934?

Reichsbischof Ludwig Müller in Aachen:
v.l.n.r.: Zehn – Bruch – Müller – Staudte – Grünagel.
um 1933

Damit hatte die Kirchen-leitung der Evangelischen Kirche im Rheinland nicht gerechnet: „Nun gesellen Sie sich“, so schrieb Präses Heinrich Held im Dezember 1949 an Oberkirchenrat Oskar Söhngen in Berlin-Charlottenburg, „auch noch zu den Vielen, die für Dr. Grünagel eintreten, und mein Aktenstück wird immer stärker.“ Für den ehemaligen Aachener Pfarrer Friedrich Grünagel verwendeten sich zahlreiche, teilweise prominente Persönlichkeiten: Neben Oberkirchenrat Söhngen Professor Emil Weber, Superintendent Paul Staudte, Emmi Welter, Vorsitzende der rheinischen Frauenhilfe und Mitglied des Deutschen Bundestags, Eugen Gerstenmaier, Leiter des Evangelischen Hilfswerks und späterer Bundestagspräsident, Kirchenpräsident Hans Stempel, Kirchenpräsident Martin Niemöller, Landesbischof Julius Bender u.a.. Die rheinische Kirchenleitung um Präses Heinrich Held geriet zunehmend unter Rechtfertigungsdruck.

Dabei war die Angelegenheit an Eindeutigkeit kaum zu übertreffen. Grünagel war strammer Deutscher Christ und hatte in Aachen öffentlichkeitswirksam die Bekennende Kirche bekämpft. Die von ihm publizierten Bücher und Artikel reihen sich hier nahtlos ein: Luthers Weckruf an die deutsche Nation – Das Ärgernis des Alten Testaments – Der Liberalismus und sein Ende – Rosenberg und Luther – Das religiöse Ärgernis und politische Mißverständnis von Golgatha usw.

Die bekenntnisgebundene rheinische Kirchenleitung, die sich unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zusammenfand, führte Verfahren gegen ehemalige DC-Pfarrer und NS-Parteigänger durch. Grundlage bildete hier die „Ordnung für das Verfahren bei Verletzung von Amtspflichten der Geistlichen“. Sie endeten zumeist mit geringfügigen Maßregelungen, bisweilen sogar mit Freisprüchen. Nur Hardliner der Deutschen Christen, insbesondere der Thüringer Provenienz, wurden ihres Amtes enthoben. Nach einer gewissen Karenzzeit erhielten auch die, zunächst meist kommissarisch, ein Pfarramt, nicht in ihrer ursprünglichen Kirchengemeinde, sondern an einem anderen Ort, jedoch unter Rückgabe aller Rechte des geistlichen Standes.

Nach dem Spruchkammerverfahren wurde Grünagel am 1. Juli 1946 in den Wartestand versetzt. Nachvollziehen konnte er dies nicht. 1949 schrieb er rückblickend: „Ich wiegte mich aber in dem festen Glauben, dass man eines Tages doch erkennen werde, wie wenig die äußere Zugehörigkeit zu einer kirchenpolitischen Gruppe das wahre Verhalten widergibt und man die tatsächlichen Hintergründe in Aachen anders beurteilen würde.“

1949 war es dann so weit. Die Kirchenleitung suchte für Grünagel eine passende Pfarrstelle. Grünagel, der sich ungerecht behandelt fühlte, stellte Ansprüche. Er beharrte auf ein Pfarramt, das seinen theologischen Ambitionen, seinen wissenschaftlichen Neigungen entgegenkam, und das Gemeindeglieder aufwies, die seinen Ausführungen intellektuell folgen konnten. Er hatte sich auf die Städte Aachen, Bonn, Düsseldorf, Koblenz und Köln kapriziert. Pfarrstellen, die ihm die rheinische Kirchenleitung anbot, fielen bei ihm durch. Bereits geografisch waren sie zu weit von Universitäten mit namhaften theologischen Fakultäten entfernt. Die Kirchenleitung brachte zunächst Oberhausen ins Spiel, wies Grünagel dann allerdings im Juni 1949 kommissarisch die Stelle der Kirchengemeinde Krofdorf-Gleiberg zu, gerade wegen ihrer Nähe zur Universität Gießen. Grünagel lehnte sie mit dem Hinweis ab, dass die Universität zerstört sei. Zudem könne er einen Schulwechsel seiner Kinder von der französischen in die amerikanische Zone nicht befürworten. 1951 erhielt Grünagel eine Pfarrstelle in Duisburg-Hochfeld. Auch sie entsprach nicht seinen Vorstellungen. Sein Duisburger Pfarramt führte er nur widerwillig, und auf seinen Wunsch hin wurde er bereits im folgenden Jahre 1952 beurlaubt.

Zum 1. Dezember 1952 nahm er die Stelle eines hauptamtlichen Religionslehrers an einem Gymnasium im badischen Mannheim an. Dies hinderte ihn keineswegs, bereits im März 1953 bei Oberkirchenrat Edgar Boué anzufragen, ob er sich auf eine Pfarrstelle in Bad Godesberg bewerben könne. Die badische Landeskirche übernahm ihn im Januar 1954 in ein Beamtenverhältnis. Im gleichen Jahr wurde er zum Pfarrer in Weinheim gewählt. Auch dies beendete keineswegs die Korrespondenz mit verschiedenen Mitgliedern der rheinischen Kirchenleitung. Eine Einsicht in die Gegebenheiten stellte sich bei Grünagel nie ein. Pathetisch verklärte er: „Es geht um Gerechtigkeit, es geht um Wahrheit.“

Archivbestände: 6HA006 (Handakten Präses Heinrich Held), Nr. 76 – 1OB009 (Personalakten der Pfarrer), G 133 – 7NL094 (Nachlass Hermann Korth), Nr. 6.

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