Moderne Kirchenkreisakten – Quellenmaterial für zukünftige Historiker und Hilfsmittel für die Verwaltung

Archive sind Tore zur Vergangenheit. Dass die Archivare in ihrer täglichen Arbeit aber alles andere als rückwärtsgewandt sind, zeigt die Arbeit an modernen Verwaltungsunterlagen des 20. Jahrhunderts. „Die Akten, mit denen ich tagtäglich zu tun habe, sind das Quellenmaterial für die Historiker der Zukunft“, meint Wolfgang Hoffmann, Mitarbeiter in der Außenstelle Boppard des Archivs der Evangelischen Kirche im Rheinland. Im Bopparder Archivteam ist der 61jährige für die modernen Kirchenkreisakten aus der Periode seit 1945 zuständig – einer Zeit, in der die Papierflut derart angewachsen ist, dass Hoffmann bei jedem Kirchenkreis mit mehreren hundert Ordnern zu tun hat. Wegschmeißen ist deshalb eine seiner wichtigsten Aufgaben.

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Aber auch Wegschmeißen – im archivischen Fachjargon: Kassieren – will gelernt sein. „Es kommt darauf an, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden“, berichtet Wolfgang Hoffmann, der seit 2004 im Bopparder Archiv arbeitet. „Zu Anfang meiner Tätigkeit war mir das nicht so klar, da habe ich viel zu viel aufgenommen. Mittlerweile habe ich aber alles gut im Griff.“ Die Akten, die dauerhaft aufgehoben werden, erfasst er mit einer archivischen Fachsoftware am Computer und unterzieht sie einer sachthematischen Ordnung.

Für wen macht er diese Arbeit? Auf lange Sicht werden es die Historiker der Zukunft sein, die sich anhand der von Wolfgang Hoffmann bearbeiteten Unterlagen einmal ein quellennahes Bild von den kirchlichen Zuständen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts machen können. Die Akten der Kirchenkreise, die als mittlere Verwaltungsebene eine Scharnierfunktion zwischen der Landeskirche und den Gemeinden vor Ort haben, sind dabei von besonderer Aussagekraft.

Aber schon jetzt wird gelegentlich auf die in Boppard archivierten Kirchenkreisunterlagen zugegriffen. „Immer wieder bekomme ich Anfragen von Kirchenkreisen, die für ihr laufendes Geschäft Informationen aus den älteren Akten benötigen“, erzählt Wolfgang Hoffmann, „da geht es dann zum Beispiel um Beschlüsse früherer Kreissynoden oder um Ergebnisse von Gemeindevisitationen.“ Am häufigsten werden allerdings Bauakten nachgefragt, vor allem bei Sanierungsprojekten. Hier kann ein wohlgeordnetes Archiv den Kirchenkreisen sogar enorme Kosten sparen, weiß Wolfgang Hoffmann. „In den Bauakten sind oftmals vor Jahrzehnten angestellte statische Berechnungen dokumentiert, auf die die Verwaltungen bei einer Sanierung gerne zurückgreifen. Eine teure Neuberechnung wird dadurch überflüssig.“ Solche Erfahrungen freuen den Archivmitarbeiter: „Es ist schön, den Nutzen der eigenen Arbeit ganz unmittelbar zu erleben. Denn wie die Historiker der Zukunft die Akten auswerten, das werde ich wohl nicht mehr mitbekommen.“

 

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