„Es herrschen Grausen und Tod“ – Drei Gedichte von Präses Heinrich Held zum Ende des Zweiten Weltkriegs

Präses Heinrich Held

Pfarrer Heinrich Held 1940, Foto: Becker

Seit seiner Zeit als Hilfsprediger in der Kirchengemeinde Wesseling hat es sich Heinrich Held zur Gewohnheit werden lassen, Worte von anderen und eigene Gedanken in Notizbüchern festzuhalten („Lesefrüchte“). In seinem Nachlass findet sich eine gebundene Kladde (Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland, Signatur: 7NL 008, Nr. 88), der er den Titel „Carmina de tempore huius saeculi“ gegeben hat, wörtlich übersetzt: Gesänge von der Zeit dieses Jahrhunderts. Hier hat er ab dem Jahr 1943 handschriftlich Gedichte und Worte von berühmten oder auch gänzlich unbekannten zeitgenössischen Autoren notiert.

Viele dieser Gedichte von Werner Bergengruen, Hermann Hesse, Paul Ernst, Hermann Burte, Hermann Claudius, Siegfried Goes, Friedrich Ernst Peter, Paul Grauf Hohenstein, Walter Bauer, Hans Faihst, Wilhelm Dorn, Richard Euriger, Wilhelm Langewiesche, um nur einige Namen zu nennen, sind unveröffentlicht. Sie verbreiteten sich unter der Hand oder fanden sich verstreut in Zeitungen und Zeitschriften. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich der nationalsozialistischen Sicht auf die Ereignisse entzogen. So manches Gedicht ist in der Not abgefasst, situationsbedingt. Sie beschreiben jedoch nicht nur das traumatisierende Kriegsgeschehen und das sich abzeichnende katastrophale Ende des 2. Weltkriegs, sondern befassen sich mit der Wende, die die deutsche Geschichte mit dem Nationalsozialismus nahm.

 

Evangelische Reformationskirche Essen-Rüttenscheid

Zerstörte Reformationskirche in Essen-Rüttenscheid, Frühjahr 1945, Foto: ohne Angaben

Heinrich Held, 1943 evangelischer Gemeindepfarrer in Essen-Rüttenscheid, wurde selbst zum Dichter. In der Sammlung befinden sich zwei anonyme Gedichte, die keinen Namen aufweisen, und ein weiteres, das mit dem Kürzel „H.H.“ gekennzeichnet ist. Unter dem Datum 5./6. März 1943, die Nacht des ersten schweren Luftangriffs alliierter Verbände auf die Stadt Essen, dichtet er:

Einer muss wachen über der Welt, / sonst alles im Dunkeln zerschellt. // Einer muss steh’n über aller Not, / sonst verdirbt uns alle der Tod. // Einer muss tragen alles Leid, / sonst ist keiner zum Tragen bereit. // Einer muss helfen mit starker Hand, / sonst find‘ ich ewig kein Vaterland. // Wollest begegnen mir, Herr Jesu Christ, / der du in allem Herr und Heiland bist.

Dieses Gedicht wurde vielfach abgeschrieben und fand sich schließlich unter dem Titel „Einer muss wachen“ mit kleinen Änderungen abgedruckt in dem Band „Der Glaube kann nicht schweigen“, herausgegeben von Anna Paulsen und 1948 im Heiland-Verlag in Lüneburg veröffentlicht.

Das zweite Gedicht, das vermutlich aus der Feder von Heinrich Held floss, hat den Titel „Altjahrsabend 1943“:

Vernichtung schreitet über das Land, / mordet die Jugend, wirft Städte in Brand – / Tausende fragen: wie soll da werden / Friede auf Erden? // Fragen sie auch nach dem Heiligen Gott, / nach dem Herrn Christ, dem Erlöser aus Not, / dass ihnen dies vor allem stehe: / Ehre sei Gott in der Höhe? // Sind Wahrheit, Recht und Erbarmen gestorben? / Ist alles Gute im Menschen verdorben? / Wo sind unter den Völkern allen / Menschen, die Gott wohl gefallen? // Lasst unsere Herzen ernster neigen, / die Gebete inbrünstiger steigen / zu Gott dem Herrn, er lässt nur werden / Frieden auf Erden!

Konnten sich die Bevölkerung in Deutschland zu Beginn des Jahres 1943 noch in der Illusion wiegen, dass der propagierte Endsieg doch noch möglich wäre, war diese Seifenblase am Ende des Jahres geplatzt. Nach Stalingrad musste sich Generalfeldmarschall Rommel in Nordafrika geschlagen geben, der U-Boot-Krieg im Atlantik war verloren, die Alliierten intensivierten ständig die Luftangriffe auf deutsche Städte. Die ernüchternde Wirklichkeit ist nur schwer mit dem Wort von den himmlischen Heerscharen in Einklang zu bringen.

Das dritte Gedicht ist mit dem Kürzel „H.H.“ gekennzeichnet und weist somit Heinrich Held eindeutig als Verfasser aus. Es ist überschrieben mit „Neujahr 1945“:

Das alte Jahr versinkt, doch bleibt die Not, / es herrschen Grausen rings und Tod, – / in dunkler Zukunft Lohen / sehn wir den Abgrund drohen. / Herr Gott, hilf du uns Armen, / birg uns in Dein Erbarmen! // Du nahmst uns, die uns lieb und wert, / und gabst uns nicht, was wir begehrt. / Doch schenkst du deinen Frieden / den Herzen schon hienieden. / Herr Christe, deine Gnade / führ uns auf rechtem Pfade! // In uns und um uns wächst die Schuld, / bedenke sie mit deiner Huld. – / Der Taumel will uns fassen, / wenn deine Hand wir lassen: / Herr, heilgen Geist uns schenke, / dass er uns stärke und lenke!

Dass Heinrich Held die Schuldfrage stellt, ist nicht zufällig. Bereits auf der letzten Bekenntnissynode der Evangelischen Kirche der altpreußischen am 16./17. Oktober 1943 Union in Breslau hatte er einen Vortag zum „Auftrag unserer Kirche in ihrer gegenwärtigen Lage“ gehalten. Nicht nur hinsichtlich des propagierten „totalen“ Krieges, sondern auch angesichts der „Euthanasie“-Aktionen und der Deportation und Vernichtung der jüdischen Mitbürger „im Osten“ stellte sich die Frage, wie das fünfte Gebot „Du sollst nicht töten“ wieder zur Geltung verholfen kann. Es beginnt mit dem Bekenntnis der eigenen Schuld.

Der vorstehende Beitrag lehnt sich eng an den Ausführungen von Heinz Joachim Held an.

Wir möchten Sie auf den Beitrag über Heinrich Held auf der Webseite „Widerstand!? Evangelische Christinnen und Christen im Nationalsozialismus“ hinweisen.

Schreibbuch von Heinrich Held

Das Notizbuch „Carmina de tempore huius saeculi“, angelegt 1943

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